Chronik | Wien
13.02.2017

Tausende Fehlerquellen: Wie man einen Railjet zerlegt

Die Wartung ist eine riesige Herausforderung – 50 Leute sind im Einsatz.

124 falsch montierte Railjet-Achsen, ein kompletter verlorener Schnellbahn-Kompressor, defekte Wagenfedern oder aktuell Probleme mit den oberen Windleitblechen der nagelneuen Cityjets.

Die ÖBB hatten in den vergangenen drei Jahren tatsächlich einiges an technischen Problemen zu bewältigen. Doch wenn man die Arbeit in der Werkstätte in Wien-Simmering besucht, dann wundert man sich eher, dass nicht noch weit mehr passiert, denn die Möglichkeiten, einen Fehler zu begehen, sind groß. Alleine bei einer alle vier Jahre notwendigen Generalüberholung eines einzigen Railjets werden mindestens 4200 Bauteile von 50 verschiedenen Mechanikern getauscht. Das Aushängeschild der ÖBB hat ähnliche Ausmaße wie ein Kreuzfahrtschiff – 205 Meter lang ist dieses Wunderwerk der Technik. Über 417 Tonnen ist das Ungetüm schwer, bevor es langsam auf eine der Reparaturstraßen in Simmering rollt.

Präzision gefragt

Rund 20 solcher Railjet-Generalüberholungen können pro Jahr durchgeführt werden – das alleine ergibt in Summe stolze 84.000 Möglichkeiten, dass irgendetwas schlecht eingebaut werden könnte und danach ein bislang unbekanntes Problem verursacht. Diese Teile müssen mit chirurgischer Präzision gewechselt werden, jeder Millimeter kann schon entscheidend sein.

Dabei werden hier natürlich nicht nur die Railjets generalüberholt, derzeit stehen mehrere Waggons etwa für den Nachteinsatz in der Werkstatt. Auch beschädigte Loks werden repariert.

"Die Technik lernt immer aus Vorfällen", erklärt Andreas Zwerger, Geschäftsführer der ÖBB-Technische Services. In Summe 35.000 Lokomotiven und Waggons werden von diesem Unternehmen innerhalb des Unternehmen jährlich gewartet und repariert. Jede montierte Schraube wird farblich markiert, damit immer nachvollzogen werden kann, ob sie tatsächlich fest sitzt.

Hunderttausende Handgriffe werden hier jedes Jahr getätigt. Die Teile werden feinsäuberlich in Kisten sortiert, es darf nichts schief gehen. Als Folge der Railjet-Achsen-Affäre wird derzeit jeder sicherheitsrelevante Teil mit einem so genannten RFID-Chip markiert, ähnlich wie ein Fingerabdruck.

1.000.000 Teile chippen

"Das ist so wie wenn man einen Hund chippt, um ihn wiederzuerkennen", sagt Zwerger. In den nächsten Jahren sollen mindestens eine Million Bauteile in das System aufgenommen werden. Damit sollen Irrtümer noch weniger wahrscheinlich gemacht werden.

Doch in der Simmeringer Werkstatt wird ohnehin weit mehr getan, so werden etwa ganze Züge zusammengebaut und sogar eigene Konstruktionen entworfen, etwa zuletzt ein Schutzblech für die Behälter unterhalb des Railjets.

Cityjet macht Probleme

Derzeit heißestes Thema ist allerdings ein geeignetes Windleitblech für den Cityjet, der die alten 4020er-Schnellbahnen ersetzen soll. Seit vergangenen September wird gemeinsam mit dem Hersteller Siemens daran gebastelt, eine endgültige Lösung gibt es immer noch nicht – der Stromabnehmer wird durch Windverwirbelungen weiter beeinträchtigt. Bis Ende Februar dürfen die aktuell 33 hochmodernen Cityjets mit einer Ausnahmegenehmigung 160 km/h fahren. Finden die Techniker keine Lösung dafür, dann können diese ab 1. März nur mehr mit Tempo 120 fahren.

Auch in diesem Fall muss behutsam an einer guten Lösung gearbeitet werden, schließlich haben die Techniker der ÖBB die Verantwortung für die Sicherheit von Millionen Bahnkunden. Das Urteil rund um ein schweres Zugsunglück im italienischen Viareggio mit 32 Toten hat gezeigt, was Fehler für Folgen haben können– zwei österreichische Bahnmanager wurden kürzlich (nicht rechtskräftig) zu unbedingten Haftstrafen von neun Jahren verurteilt. Streitpunkt war, ob ein Problem am Rad bei der Wartung hätte erkannt werden müssen.

Personal gesucht

Prinzipiell sind die ÖBB in Mitteleuropa führend, was Wartungen und Konstruktionen betrifft. Zwerger: "Wir gewinnen regelmäßig Ausschreibungen in den Nachbarländern." Einziger Wermutstropfen ist, dass es zu wenig Fachpersonal gibt. Immer wieder müssten Mechaniker durch halb Österreich geschickt werden.