Tanzen in Zeiten von Corona: Die neuen Covid-19-Bestimmungen zwingen die gesamte Branche in die Knie. Wie sollen wir so weitertanzen?

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Wien
09/23/2020

Tango mortale: Wiens Tanzschulen kämpfen ums Überleben

Aufschrei bei den Tanzschulbetreibern: Nur fünf Tanzpaare dürfen laut den neuen Corona-Regelungen in einem Raum sein.

von Nina Oezelt

Schwitzige Hände, nervöse Blicke und Konzentration auf die Schritte am Tanzparkett. So ist die Stimmung in einem Tanzsaal mit Jugendlichen, die sich auf ihren Maturaball vorbereiten – normalerweise. Aber dieses Jahr ist alles anders.

Keine Hochzeiten, Keine Ballsaison

"Bei uns gibt es weder Single- noch Jugendtanzkurse", sagt Thomas Schwebach. "Im Frühjahr ist das Geschäft mit den Hochzeiten eingebrochen, dann wurde quasi die Ballsaison abgesagt und jetzt nimmt man uns auch noch das Wiener Publikum."
Der Tanzschuldirektor aus der Donaustadt ist hörbar verärgert.

"Dass die Ballsaison abgesagt ist, dass die Jugend- und Singlekurse wegfallen – all das bricht uns das Genick."

Yvonne Rueff | Tanzschule Rueff

Covid-19 Veordnung blockiert

Grund dafür ist die am Montag in Kraft getretene Verschärfung der Regeln zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie. Laut der sind bei Veranstaltungen, die drinnen stattfinden, nur noch maximal 10 Personen erlaubt. Pro Tanzkurs wären das also nur noch fünf Paare. Und das, obwohl die Tanzsäle im Schnitt eine Fläche von 100 Quadratmeter bieten.


Bei Thomas Schwebach tanzen bei Normalbetrieb 10 bis 15 Pärchen auf einer Fläche von 120 Quadratmetern. Nach Corona wären es zehn bis zwölf Pärchen. "Wenn es nur noch fünf sind, dann kann ich zusperren", sagt der Tanzschuldirektor. Wie soll sich da der Betrieb rechnen?

"Das Ende des Kulturguts"

Drastische Worte für die jetzige Situation findet auch Tanzprofi, Tanzschuldirektor und Dancing-Stars-Choreograf Thomas Kraml. Er bezeichnet die neue Regelung gar als "das Ende des Kulturguts der Welthauptstadt des Tanzes".

Ein positives Wirtschaften sei einfach nicht mehr möglich. Kraml kritisiert auch, wie die Regeln kommuniziert werden. "Wir müssen uns an Bestimmungen halten, die nicht zu uns passen." Eine Tanzschule habe oft auch eine Bar im Anschluss. Gelten da dann etwa die Gastro-Regeln? Die Tanzschul-Betreiber hätten es schwer, an Informationen zu kommen. Das Gesundheitsministerium schicke sie zum Sportministerium und das wieder zurück zum Gesundheitsministerium.

Fußball ja, tanzen nein?

Zuletzt hat Kraml auf Facebook seinem Ärger Luft gemacht: Dass Fußball spielen erlaubt  ist (wo ja mehr als zehn Personen spielen), tanzen aber nicht, das erschien ihm unverständlich.

Und tatsächlich: Wer bei der Corona-Info-Hotline des Sportministeriums anruft, erfährt, dass die Zehn-Personen-Regel auch auf die Wiener Tanzschulen anwendbar ist.

Sportministerium klärt auf

Wie sie aber auf die Tanzschulen angewendet werden kann, konnte allerdings niemand beantworten.  Man verweist auf die Wirtschaftskammer und das Gesundheitsministerium. Auf KURIER-Anfrage im Sportministerium heißt es schließlich, dass auch beim Sport und somit bei der Tanzschule drinnen nur 10 Personen pro Trainingsgruppe zugelassen sind.

„Wir überlegen uns  bereits ein digitales Konzept – aber auch das hilft uns nicht,
zu überleben!“

Thomas Schwebach | Tanzschule Schwebach

Keine Vermischung der Trainingsgruppen

Allerdings dürfen zwei oder mehr Trainingsgruppen à 10 Personen gleichzeitig trainieren, solange gewährleistet ist, dass es zwischen den Trainingsgruppen zu keiner Vermischung kommt.  Der Passus mit der "Vermischung" lässt Tanzschullehrer Kraml zynisch werden:  "Sollen wir jetzt eine Schnur in der Mitte des Tanzsaales aufspannen?“

Lösungen weiterhin gesucht

Tanztrainer Thomas Schwebach erinnert die Regelung an die Einführung des Nichtrauchergesetzes: keiner kenne sich aus, und niemand habe eine Lösung, die für alle gleichermaßen passen würde.

Das sieht auch Yvonne Rueff  von der Tanzschule Rueff so: "Wer eine große Tanzschule hat, kann solche Regeln  leichter realisieren.  Durch den Entfall der Jugendkurse habe ich zwei leere Säle", sagt Rueff. Die nütze sie jetzt für die Trennung der Kursteilnehmer.

Eine viertel Million Verlust

Zusätzlich gibt es nach jedem Kurs 15 Minuten Pause. So kann die eine Tanzgruppe den Raum verlassen und kommt jener, die danach eintritt, nicht in die Quere – Kontakte werden vermieden. 250.000 Euro kostet Rueff alleine der Verlust der Jugendkurse. Wie hoch der Verlust bei den Kursen für  Erwachsene sein wird, will sie  (noch) nicht wissen.

Regierung als "Satire"

Auch Thomas Kraml sagt: "Die Gewinne der nächsten fünf Jahre sind weg. Da ist es Satire, wenn die Regierung auf das 14. Gehalt verzichtet."

27 Tanzschulen gehören zum  „Verband der Wiener Tanzschulen“. Sie erwirtschaften im Jahresdurchschnitt zwischen 250.000 und 300.000 Euro.

Urgestein: Die älteste Tanzschule Wiens ist die Schule „Kopetzky“. Sie wurde 1896 gegründet und ist 124 Jahre alt

Parkett und Spiegel: Der „Verband der Wiener Tanzschulen“ betreibt in der Stadt rund 60 Säle

Reger Andrang: Im Durchschnitt werden in Wien 18.000 bis 20.000 Tanzschüler  pro Woche von Verbandsschulen unterrichtet 

Neue Ideen, alte Regeln

Tanztrainer Thomas Schwebach tüftelt zwar an neuen Ideen – unter anderem an einem digitalen Konzept –, aber auch das helfe nur bedingt. Zumindest werden mit der eigenen Schwebach-App die Kontakte registriert, Platzreservierungen vereinfacht und Tanzstunden live  übertragen.  

Wirtschaftskammer arbeitet daran

In der Wirtschaftskammer arbeitet man bereits an einem neuen Konzept, wann es vorliege, könne man jedoch nicht sagen.
Die Tanzschullehrer wissen jedenfalls, was helfen würde: Sie hätten gerne die alte Regel zurück, wonach pro Paar oder Einzelperson 10 Quadratmeter Tanzfläche zur Verfügung stehen müssen.

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