Der harte Kampf aus dem Drogensumpf: Eine Betroffene berichtet

Anni* war jahrelang drogenabhängig. Das Angebot, das ihr damals aus der Perspektivlosigkeit geholfen hat, gibt es heute nicht mehr.
Eine Frau sitzt mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern auf einem Sofa in einem abgedunkelten Raum.

Wenn Anni über die zehn Jahre spricht, die ihr Leben maßgeblich geprägt haben, ist ihre Stimme ruhig und gefasst. Die zehn Jahre waren geprägt von Drogenexzessen, Sucht und Gewalt durch ihren Ex-Freund. 

Heute führt die 31-jährige Wienerin ein selbstbestimmtes Leben. Sie absolviert eine Ausbildung im Sozialbereich und arbeitet nebenbei mit beeinträchtigten Menschen. "Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe, Ich habe gedacht, ich werde für mein restliches Leben in dem Drogensumpf verweilen und beruflich nichts mehr hinkriegen", sagt sie. Während sie erzählt, sitzt sie in einem Raum einer Beratungseinrichtung in Wien.

Gelungen ist ihr das unter anderem durch das Hilfsangebot  von "Standfest", das es heute nicht mehr gibt. Die Stadt Wien hat bei der Suchthilfe den Sparstift angesetzt. Konkret betroffen waren die arbeitsintegrativen Maßnahmen der Suchthilfe, darunter das Angebot „standfest“ von „Dialog“, der sozialökonomische Betrieb „fix und fertig“, der Verein „gabarage“ und das regionale Kompetenzzentrum der Suchthilfe Wien. 

Ex mit Drogenvergangenheit

Zurück in die Beratungseinrichtung: Aufgewachsen in Wien, besuchte Anni zunächst ein Gymnasium. "Ich war dann mit 14 in der Psychiatrie, mir ist es damals echt schlecht gegangen, vielleicht auch durch Mobbing in der Schule", schildert Anni. Aufgrund der Abwesenheit in der Schule sowie der starken Medikamente war es ihr damals nicht mehr möglich, den Schulalltag zu bewältigen. Später holte sie die Matura auf einer Abendschule nach, begann eine Ausbildung - und brach auch diese wieder ab. 

Mit Anfang 20 begann die Wienerin, sehr viel feiern zu gehen, vor allem auf Techno-Partys. Dort lernte sie auch ihren damaligen Freund kennen, der zu der Zeit bereits im Substitutionsprogramm war. "Damals wusste ich noch nicht mal, was das genau ist. Er hat dieses Problem irgendwo auch mitgebracht. Und dadurch, dass wir dann immer fortgegangen sind, hat es sich immer mehr in unseren Alltag eingeschlichen", erzählt Anni.

"Er dachte, ich will ihn betrügen"

Mit der Zeit wurden die Drogen härter und die Psychosen, die ihr Ex-Freund entwickelte, schlimmer, sagt sie. "Ich hab' das aber am Anfang überhaupt nicht verstanden, was da eigentlich los ist. Es hat damit begonnen, dass er sehr aggressiv war und mir dauernd unterstellt hat, ich will ihn betrügen."

Die Situation eskalierte zusehends, es kam zu Drohungen, Polizeieinsätzen, Angstzuständen. „Ich habe mich in meiner eigenen Wohnung nicht mehr sicher gefühlt", erzählt Anni. Selbst Geld und Medikamente habe sie aus Angst vor Diebstahl in einem Polsterüberzug versteckt. Schließlich zog sie zurück zu ihren Eltern – ein Schritt, der ihr Leben rettet. „Ohne meine Familie weiß ich nicht, was passiert wäre.“

Doch auch danach war der Weg zurück kein einfacher. Jahrelang war Anni ohne Arbeit, kämpfte mit der Sucht und psychischen Folgen. Erst langsam fand sie wieder Struktur und Stabilität – auch dank professioneller Hilfe. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein Wiener Suchthilfeangebot: medizinische Betreuung, Substitutionsprogramme, Sozialarbeit und Gruppenangebote. 

Gruppenangebote gestrichen

„Besonders die Gruppenangebote haben mir sehr geholfen, Jeden Mittwoch habe ich bei der Freizeitgruppe teilgenommen, da sind wir spazieren oder ins Museum gegangen. Zweimal war ich auch bei der Frauengruppe, da ging es vor allem um posttraumatische Belastungsstörungen", sagt Anni. Diese Gruppentreffen seien ihr Anker gewesen. 

Warum diese Angebote vergangenen Herbst aus budgetären Gründen gestrichen wurden, kann Anni nicht nachvollziehen. Laut Angaben des Verein Dialog, der Standfest angeboten hat, wurden mit Ende des Jahres 2025 rund 380 Klientinnen und Klienten dort betreut.  

70 Betroffene an Berufsbörse vermittelt

Rund 70 dieser Klientinnen und Klienten wurden mittlerweile zur weiteren Behandlung an die Wiener Berufsbörse vermittelt. Für die übrigen Betroffenen konnte eine "bedarfsgerechte Weiter- bzw. Regelversorgung" im Wiener Sucht- und Drogenhilfenetzwerk sowie im allgemeinen Gesundheit- und Sozialsystem sichergestellt werden, heißt es auf KURIER-Nachfrage von der Sucht- und Drogenkoordinationsstelle der Stadt Wien. 

Für Anni ist diese Maßnahme der Stadt dennoch zu kurz gedacht. "Wenn man Leuten keine Möglichkeit gibt, langsam wieder in ein geregeltes Leben zu finden, bleiben sie komplett auf der Strecke. Im Endeffekt wird es den Staat und das Gesundheitssystem langfristig mehr kosten wird, dort einzusparen. Kurzgedachte Sachen sind nie gscheid."

*Name von der Redaktion geändert

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