© KURIER/Jeff Mangione

Wiener Tierschutzverein
05/29/2016

Stimme der Tiere will mehr mitreden

Zum 170-jährigen Jubiläum steht die Institution vor einer Reihe von Herausforderungen.

von Bernhard Ichner

Egal, ob es um die "sanfte Umlenkung" der Stammersdorfer Ziesel zu Gunsten eines umstrittenen Bauprojekts, Hitzeferien für Fiaker-Pferde oder die Forderung nach einem Gatterjagd-Verbot geht – der Wiener Tierschutzverein (WTV) ist nahe am Geschehen. Als "Stimme der Tiere", wie das Motto der Institution lautet. Heuer feiert der Verein mit rund 20.000 Mitgliedern und fast doppelt so vielen Unterstützern sein 170-jähriges Jubiläum. Am 4. und 5. Juni lädt man deshalb zum Fest in das Wiener Tierschutzhaus – das sich bekanntlich in NÖ befindet. In der Triester Straße 8 in Vösendorf unterhalten Künstler, wie die Edlseer, Gary Howard, Mandi von den Bambis oder Andy Lee Lang jeweils ab 12 Uhr die Besucher.

Lebenszeichen

Mit der Feier wolle man Danke sagen und den vielen Tierfreunden zeigen: "Ja, wir leben noch! Aber auch: Es könnte besser sein", sagt WTV-Präsidentin Madeleine Petrovic, die seit 2008 im Amt ist. Einfach ist die Situation für den 1846 vom Literaten Ignaz Castelli gegründeten Tierschutzverein nämlich nicht. Einerseits sind zurzeit rund 2000 Tiere zu betreuen, andererseits machen die Altlasten, auf denen das Tierschutzhaus errichtet wurde, die Arbeit nicht gerade einfacher. Wie berichtet, steht der Gebäudekomplex ja auf einer zirka zwölf Meter dicken Schicht aus Teer, Altöl und Sperrmüll der ehemaligen Raffinerie Vösendorf. An heißen Sommertagen quillt der Teer immer noch im Innenhof aus dem Boden.

Man sei zwar in der Lage, das Haus betriebsfähig zu halten, sagt Petrovic. Und, dass das Arbeitsinspektorat einzelne Trakte schließen musste, sei auch Schnee von gestern. (Von der AUVA finanzierte öko-, wie humantoxikologische Gutachten belegen die Unbedenklichkeit der Räume für die rund 60 Mitarbeiter.)

Eitel Wonne ist aber trotzdem nicht alles. So musste ob des schlechten baulichen Zustandes die Quarantänestation geschlossen werden. Und unmittelbar nach den Jubiläumsfeierlichkeiten wird die Sanierung des viel zu feuchten Katzen-Traktes in Angriff genommen.

Zwar hat die Stadt Wien als Eigentümerin des Grundstücks dem WTV eine etwa halb so große Alternativfläche an der Autobahnspange Vösendorf angeboten. Doch obwohl diese einfach erreichbar wäre und es auch keine Anrainer gibt, die sich von einem Tierschutzhaus gestört fühlen könnten – und obwohl die Stadt dem WTV den neuen Baugrund sogar schenken würde – konnten sich der Vereinsvorstand und Wiens Tierschutz-Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) bis dato nicht einigen.

"Die von der Stadt rund um die ,Schenkung‘ vorgesehene Vertragskonstruktion würde dazu führen, dass der WTV massiv unter Druck geraten und letztlich alles verlieren könnte", stellt Petrovic klar. Noch sei die Schenkung zu sehr an Bedingungen geknüpft. Extrem beeilen muss sich der WTV aber auch nicht – schließlich hat er auf dem aktuellen Grund noch 69 Jahre das Baurecht. Das Areal tauschen werde man erst, wenn erkennbar sei, "dass unser Überleben angestrebt wird". Gegenüber dem KURIER versichert Sima jedenfalls, zwei Tierschutzhäuser – eines im Norden und eines im Süden der Stadt – sinnvoll zu finden.

Hunderte Wildtiere

Ins Stadt-eigene TierQuarTier in der Donaustadt kommen seit Kurzem alle herrenlosen oder behördlich abgenommenen Tiere – insbesondere Hunde und Katzen.

Langfristig entlastet werde das Tierschutzhaus dadurch jedoch nicht, schildert Petrovic. Insbesondere, weil der Andrang an geschwächten oder (bei Verkehrsunfällen) verletzten Wildtieren enorm gestiegen sei. Allein seit Jahresbeginn kamen rund 500 davon in die Obhut des WTV – Dachse, Füchse, Eichhörnchen oder Enten, die Kleinvögel noch gar nicht mitgerechnet. Auch zwei Wölfe sind in Vösendorf untergebracht.

Die Tiere zu beherbergen, zu pflegen und (wenn möglich) zu vermitteln, ist jedoch nicht die einzige Funktion, die der WTV erfüllt. So gibt es eine Hundeschule sowie ein Seminarprogramm für artgerechte Tierhaltung. Und man macht auch Politik: "Wir wollen mitreden", betont Petrovic. Im Sinne der Aarhus-Konvention, die NGOs bei umweltrelevanten Bewilligungsverfahren Parteienstellung einräumt. Sowie im Zivilrecht: "Bei der Überprüfung von Gesetzen, die das Wohl der Tiere berühren, streben wir einen direkten Zugang zum Verfassungsgerichtshof an." Etwa beim Jagdgesetz – wenn es darum geht, Gatterjagden endgültig einen Riegel vorzuschieben.

2006 drohte dem WTV das endgültige Aus

1846 gründet der Literat Ignaz Franz Castelli den "Niederösterreichischen Verein gegen Misshandlung der Tiere in Wien". Dieser wird später in "Wiener Tierschutzverein" umbenannt.

1895 wird die erste Tierrettung geschaffen. Anfangs als Notdienst für erschöpfte Zugpferde eingeführt, wird ab 1924 daraus ein allgemeiner Rettungsdienst für hilfsbedürftige Tiere. (2015 übernimmt die Stadt Wien den Notfallbetrieb.)

1938 wird der Verein durch den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich aufgelöst und mit anderen Tierschutzvereinen in den "Tierschutzverein für Wien und Umgebung eingegliedert. Dieser untersteht dem Reichstierschutzbund Frankfurt am Main. 1945 nach Kriegende erhält der Verein wieder seinen alten Namen.

Am 26. September 1998 wird das neue Tierschutzhaus in Vösendorf eröffnet. Allerdings räumt die Stadt Wien dem WTV ein Baurecht auf einer Liegenschaft ein, die durch eine Altlast der ehemaligen Raffinerie Vösendorf kontaminiert ist. Die Altlast ist bekannt, wird aber in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt. Sie führt zu Verzögerungen beim Bau. Die Baukosten haben sich mehr als verdoppelt.

2006 führen die Komplikationen zur Insolvenz des WTV. Alle Mittel waren in das Bauvorhaben gesteckt worden – somit droht der Konkurs. Mit Hilfe von Spendern und Sanierungsfachleuten gelingt es, diesen Anfang 2007 abzuwenden und einen Zwangsausgleich zu erwirken. Präsidentin Lucie Loubé tritt zurück. Nach einem Jahr, in dem Michael Antolini den Verein führt, wird 2008 Madeleine Petrovic zur Präsidentin gewählt.

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