Chronik | Wien
28.03.2018

Stadtschulrat: Auszeit für Problem-Schüler denkbar

Stadtschulratspräsident Himmer über Time-out-Klassen, Besuche bei muslimischen Eltern und Probleme mit Deutschklassen.

Lehrergewerkschafter thematisieren immer öfter die zunehmende Gewaltbereitschaft an Wiens Schulen. Zudem würden insbesondere muslimische Jugendliche religiöse Vorschriften über Unterrichtsinhalte stellen, berichten sie. Den Schulen stünden jedoch zu wenig Sanktionsmöglichkeiten zur Verfügung. Am Runden Tisch, an dem neben Lehrern, Eltern, Schülern, Schulpsychologen, Sozialarbeitern und Polizei auch Religionsvertreter Platz nehmen sollen, will der Wiener Stadtschulrat nun Maßnahmen erarbeiten. Der KURIER bat Präsident Heinrich Himmer zum Interview.

KURIER: Warum gibt es den Runden Tisch erst, nachdem Gewerkschafter Probleme, wie Gewalt und Islamisierung an Schulen, wiederholt in die Medien getragen haben?
Heinrich Himmer: Nach so vielen Wortmeldungen zum Thema muss man etwas tun. Und wenn Gewerkschafter über die Zunahme von Aggressionspotenzialen berichten, nehmen wir das ernst. Das Thema gibt es aber nicht erst seit Kurzem – daran arbeiten wir ständig. Etwa durch den Einsatz von 45 Schulsozialarbeitern. Aber das ist natürlich nicht genug.

Laut Personalvertretern gibt es insbesondere mit muslimischen Schülern Probleme. Weil sie religiöse Gebote über schulische Inhalte stellen oder ethnische Konflikte in die Klasse tragen würden. Wie reagiert die Schulbehörde?
Das ist der Grund, warum wir Vertreter der Islamischen Glaubensgemeinschaft an den Runden Tisch eingeladen haben. Denn  wenn so etwas vorkommt, muss man es offen und ehrlich ansprechen. Ich würde mir eine gewisse Begleitung aus der IGGÖ wünschen. Zum Beispiel, indem man gemeinsam mit der Schulleitung die Eltern eines Schülers, der zum Beispiel Frauen nicht die Hand geben will, besucht und ihnen klarmacht, was dazu gehört, wenn man in diesem Land lebt. In problematischen Schulen in London wird das etwa so gemacht.

Brauchen Schulen zusätzliche Sanktionsmöglichkeiten  gegen verhaltensauffällige Schüler –  etwa schulautonome Suspendierungen, Sonderschulen oder Time-out-Klassen, wie sie die ÖVP vorschlägt?
Schulpflichtige Jugendliche zu suspendieren, ist ein staatlicher Hoheitsakt. Da bedarf es eines ordentlichen Verfahrens mit Instanzenzug und Berufungsmöglichkeit. Außerdem: Ab wann wird suspendiert und wer entscheidet darüber? Da kommt es ja auch sehr auf das individuelle Klima zwischen einem Schüler und einem Lehrer an. Bei Gefahr im Verzug funktioniert das aber in der Regel schnell. Sonderschulen sind für mich schwer vorstellbar. Das hat schon ein bisschen was von einem Gefängnis – eine Schule, in der nur aggressive Schüler sitzen. Über Time-out-Klassen (also Räume, in die Schüler bei Bedarf stundenweise strafversetzt werden; Anm.) kann man nachdenken. Aber wie würde das in der Praxis ausschauen? Steht da jemand vor einem leeren Zimmer und wartet, dass verhaltensauffällige Schüler hereinkommen? Und wer steht da? Ein Lehrer oder vielleicht ein Polizist? Das müsste man diskutieren.

Gewerkschafter und Opposition meinen, dass viele Vorfälle gar nicht gemeldet würden, weil vor allem junge Lehrer das Vertrauen zur Schulbehörde verloren hätten und aus Angst vor Repressalien schweigen.
Wir haben 25.000 Lehrer in Wien – da gibt es viele verschiedene Meinungen. Wir bekommen auch viele Rückmeldungen, dass die Herausforderungen mit mehr Hilfe von Sozialarbeitern zu schaffen  wären. Einen Maulkorberlass gibt es von meiner Seite sicher nicht – aber ich kann nicht ausschließen, dass an 710 Schulen die eine oder andere Direktion einen solchen erlassen hat. Ich mache jedenfalls niemandem einen Vorwurf, der Probleme thematisiert. In so einem Fall sind keine Konsequenzen zu befürchten. Wenn jemand das Gefühl hat, er oder sie erfahre wegen so etwas berufliche Nachteile: bitte bei mir melden. Ein Redeverbot bringt nichts. Wir müssen gemeinsam Lösungen erarbeiten.

Warum gibt es keine konkreten Zahlen zu Gewalt an Schulen? Wären eine Dokumentation aller Vorfälle und ein jährlicher Bericht sinnvoll?
Ich stehe dem prinzipiell offen gegenüber. Die Frage ist bloß, ab wann ist etwas zu dokumentieren? Soll ich bei jedem verunglimpfenden Facebook-Posting ein Stricherl machen? Und ab wie vielen Stricherln  ist die Darstellung dann aussagekräftig? Ich plädiere eher dafür,  von vorn herein etwas gegen die Problematik zu tun.

Laut einem Zeitungsbericht wurden im Vorjahr 1600  Strafanzeigen wegen Gewalt an Wiener Schulen erstattet. Können Sie die Zahl bestätigen?
Ich kann das nicht verifizieren – die Zahl entstammt einer inoffiziellen Quelle. Aber auch 50 Anzeigen wären 50 zu viel.

Unisono mit SPÖ-Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky kritisieren Sie die Halbierung des Integrationstopfes durch die türkis-blaue Regierung. Bis dato konnten in Wien daraus 43 Schulsozialarbeiterstellen finanziert werden. Wie viele davon gehen mit 2019 verloren?
Alle. Da von 80 auf 40 Millionen Euro halbiert wird und die verbleibenden Mittel zur Gänze in Deutschförderklassen fließen sollen, bleibt für Integrationsarbeit durch Sozialarbeiter nichts übrig. In Zukunft haben wir nur noch die 25, die wir selbst bezahlen, um die Lehrer zu unterstützen. Brauchen würden wir aber ungefähr 100 – und zwar langfristig. Denn weil die bisherigen Integrationspakete immer nur ein Jahr galten und die Dienstverträge entsprechend befristet waren, konnten wird schon bisher nur etwa die Hälfte der 43 Stellen besetzen. Außerdem bedürfte es Unterstützung für die Schulen im Verwaltungsbereich.

Könnte die Stadt Wien das Budget für Sozialarbeiter nicht aufstocken?
Die Verantwortung für Integration liegt beim Bund. Es ist die Aufgabe des Staates die Mittel bedarfsorientiert zu verteilen. Denn der Bedarf ist eben nicht überall derselbe. Darum floss bisher etwa die Hälfte des Integrationstopfs nach Wien – weil hier die Herausforderungen die größten sind.

Sie stehen auch den geplanten Deutschförderklassen kritisch gegenüber. Warum?
Extragruppen, in denen Schüler zusätzlichen Deutschunterricht bekamen, gab es auch schon bisher. Das Problem ist aber, wenn man von Beginn an eigene Deutschklassen, in der die Schüler mindestens ein Semester und maximal zwei Jahre bleiben, einrichtet. Das bedeutet im längsten Fall, dass ein Achtjähriger dann in der ersten Klasse unter lauter Sechsjährigen sitzt. Die Integrationsarbeit wird dadurch sicher nicht leichter. Außerdem kostet das System mehr – und die Länder müssen es bezahlen.

Haben Wiens Schulen genug Platz für Deutschklassen?
Für die Wiener Schulen wird das fast nicht lösbar sein, wenn ab Herbst alle außerordentlichen Schüler in eigene Deutschklassen sollen. Darum müssen wir die Zuteilung komplett neu überdenken. Ich kann  nicht garantieren, dass fix angemeldete Schüler an manchen Standorten den Schulplatz auch wirklich bekommen.

Vermuten Sie hinter den türkis-blauen Reformen tatsächlich einen gezielten Angriff auf das rote Wien?
Nicht auf Wien allein, aber auf alle Städte, die vor diesen Herausforderungen stehen. Man fährt einfach über uns drüber, anstatt gemeinsam mit uns nach Lösungen zu suchen.