Chronik | Wien
21.10.2017

Stadträtin Brauner: "Wir sind ja nicht bei Asterix"

Die Finanzstadträtin über die Lehren aus dem Wahlergebnis, blaue Angstmache und rote Grabenkämpfe.

Renate Brauners Wort hat Gewicht in der SPÖ. Als wichtige Vertreterin des linken Flügels hat sie den Bundes-Entschluss, Sondierungsgespräche mit der FPÖ zu führen, mitgetragen. Als Nachfolger für Bürgermeister Michael Häupl wünscht sie sich einen Kandidaten, der für Internationalität steht.

KURIER: Frau Brauner, warum hat die SPÖ in den Flächenbezirken prozentuell verloren, in den Innenbezirken aber gewonnen?

Renate Brauner: So einfach ist die Rechnung nicht. Es gibt nicht "die Flächenbezirke". Auch Ottakring ist ein großer Bezirk und hat zugelegt. Die Brigittenau zum Beispiel hat einen der höchsten Anteile an Zuwanderern und hat das beste Ergebnis in Wien. Und dort leben nicht nur die Bobos.

Rot hat dort dazugewonnen, wo Grün viele Stimmen verloren hat. Insgesamt aber hat Rot-Grün an Stimmen verloren.

Das ist nicht richtig. Wenn man einen fairen Vergleich machen will, muss man Rot-Grün der vorigen Wahl mit Rot-Grün-Pilz vergleichen, denn die Grünen haben sich de facto aufgespalten.

Peter Pilz fährt aber eine härtere Linie gegen Migranten, etwa in dem er vor Islamisierung warnt.

Peter Pilz halt sich vor allem als Aufdecker profiliert, das hat ihm Stimmen gebracht. Genau das hat den Grünen gefehlt. Abgesehen von den internen Streitereien, die, wie man sieht, niemandem gut tun.

Davon hat auch die SPÖ massiv profitiert.

Sicher hat die SPÖ viele Stimmen aus dem grünen Bereich bekommen.

Viele sagen, das sind nur Leihstimmen.

Den Begriff Leihstimmen halte ich für nicht seriös. Du musst bei jeder Wahl die Stimmen neu gewinnen. Man könnte genauso sagen, dass sind Rückkehrerstimmen.

Aber klar ist, dass die SPÖ in Wien ein gutes Angebot für Grün-Wähler gemacht hat. Welches Angebot haben Sie den FPÖ-Wählern gemacht?

Ich glaube, wir haben ein Angebot in alle Richtungen gemacht. Wir haben jene angesprochen, die für Internationalität sind, jene, die pro-europäisch sind und jene, die für einen sozialen Zusammenhalt sind – und nicht die Armen gegen die noch Ärmeren ausgespielt. Und wir haben die Jungen angesprochen. Wir sind in Wien die stärkste Partei bei den Jungen.

Es gibt aber auch Junge mit Abstiegsängsten.

Wir sind auch die stärkste Partei bei Menschen mit Pflichtschulabschluss, genau bei dieser sozial schwierigsten Gruppe. Genau dort haben wir 48 Prozent geholt. Warum hat die nicht die FPÖ geholt? Weil wir diesen Menschen mit unserer Politik gezeigt haben, dass wir für sie da sind.

Trotzdem hat die FPÖ laut Wählerstromanalyse von der SPÖ dreimal mehr Stimmen geholt als umgekehrt.

Ich glaube, dass unsere Angebote die richtigen sind. Es war ein Problem, dass die inhaltlichen Themen stark von der Diskussion über Flüchtlinge überlagert wurden. Das war ein Angstmache-Wahlkampf der beiden konservativen Parteien, die sich sehr ähnlich geworden sind.

Wie lautet ihr Angebot an die FPÖ-Wähler?

Wir müssen Ihnen die Ängste nehmen. Unser Angebot ist, konkrete Hilfsstellungen zu geben. Das ist halt mühsamer, als gegen die Ausländer zu sein.

Wann stellt die Linke ihren Bürgermeisterkandidaten auf?

Wir müssen erst definieren, wofür die Person stehen muss, die die Wiener SPÖ erfolgreich in die Zukunft führt. Das Wahlergebnis zeigt: Wir brauchen eine Person, die für das Internationale steht, für die bunte vielfältige Stadt mit sozialem Zusammenhalt.

Steht Michael Ludwig für diese Weltoffenheit?

Es gibt viele Personen in der SPÖ. Es gibt eine Ulli Sima, einen Jürgen Czernohorszky, eine Sandra Frauenberger, einen Andreas Schieder. Unsere Aufgabe ist, uns für die Zukunft zu rüsten, und nicht auf die Brust zu klopfen und zu schreien: "Ich bin’s, ich bin’s".

Hätte eine blau-schwarze Regierung im Bund einen Einfluss auf die Auswahl des nächsten Bürgermeisters?

Wir treffen unsere Entscheidungen selber und da haben Blau und Schwarz nichts mitzureden.

Also der Bund hat keinen Einfluss?

Das Wahlergebnis muss einen Einfluss haben. Dass wir für Vielfalt, Weltoffenheit und sozialen Zusammenhalt stehen. Wir sind stolz auf die Stadt, das heißt nicht, dass alles super ist. Aber durch Geseiere hat man noch nie Probleme gelöst. Ich bin die Letzte, die sagt, es gibt keine Probleme. Aber stelle ich mich ins Schmollwinkerl oder will ich was verändern? Diese Stimmung muss ein Parteivorsitzender repräsentieren.

Hilft es, wenn der zukünftige Bürgermeister Bundeserfahrung hat?

Ich glaube schon, dass eine Internationalität verknüpft mit kommunaler Erfahrung hilfreich wäre.

Parteimanagerin Straubinger fände es gut, wenn man sich schon vor dem Parteitag auf einen Kandidaten einigt.

Ich finde es wichtig, dass wir anhand der inhaltlichen Kriterien einen Kandidaten finden. Wenn sich alle auf einen einigen können, super. Aber es ist überhaupt kein Problem, wenn es Mehrfachkandidaturen gibt.

Also sind Sie für eine Kampfabstimmung?

Wir sind ja nicht bei Asterix, wo alle gegen alle antreten und dann miteinander raufen. Wenn mehrere antreten, ist das ganz ok. Das ist Demokratie.