Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Stadtarchäologie: Fenster in die Vergangenheit

Bei Bauarbeiten für die Fernkälte stoßen Archäologen in der Innenstadt immer wieder auf Spuren aus der Römerzeit. Der KURIER durfte die Grabungen bei einem Lokalaugenschein näher betrachten.
Offene Baustelle am Bauernmarkt

Für viele bedeuten Baustellen weniger Parkplätze, Staub und Lärm. Für die Stadtarchäologie sind sie hingegen ein Fenster in die Vergangenheit. Denn wenn in der Wiener Innenstadt tiefe Künetten für neue Leitungen der Fernkälte ausgehoben werden, kommen immer wieder Spuren jener Stadt zum Vorschein, die hier vor rund 2.000 Jahren lag.

Das jüngste Beispiel ist die derzeitige Baustelle am Kohlmarkt. Dort untersucht ein Team der Stadtarchäologie eine römische Straße, die über den Michaelerplatz in Richtung Westen nach St. Pölten führte. Die Baustelle verläuft auch neben den Resten einer Mauer des ehemaligen römischen Legionslagers Vindobona. „Die Ausgrabungen und Funde helfen uns, mehr über das Legionslager zu erfahren “, erklärt Kristina Adler-Wölfl, Leiterin der Stadtarchäologie Wien.

Zwar wisse man, wo es ungefähr liegt, Details fehlen aber oft noch, um sich ein gesamtes Bild davon machen zu können. Jede Grabung könne deshalb ein weiteres Puzzleteil liefern. „Wir haben Puzzlesteine seit 1900. Jetzt geht es darum, das Maximum an Information herauszuholen“, so Adler-Wölfl.

Wichtige Zusammenarbeit

Dass solche Funde überhaupt entdeckt werden, hängt mit der guten Zusammenarbeit mit den Baustellen zusammen. „Unsere Chance sind Umbauten auf Straßen, also wirklich große und tiefe Arbeiten“, sagt Wölfl. Die Stadtarchäologie wird deshalb bereits in der Planungsphase eingebunden. So bald feststeht, wo eine Künette angelegt werden soll, wird geprüft, ob dort mit archäologisch relevanten Funden zu rechnen ist.

So war es auch bei einem weiteren Fernkälte-Ausbau am Bauernmarkt. Dort wurde 2021 ein großer Fund entdeckt: ein Gefängnisfenster aus der Römerzeit. „Das war natürlich eine ausschlaggebende Entdeckung“, erinnert sich Wölfl. Die damals geplante Künette hätte genau durch den Fund geführt, die Leitung wurde daraufhin verlegt. 

„Hier sind wir mit der Leitung extra herum gegangen, damit das Fenster erhalten bleibt“, sagt Christian Aigner, Projektleiter des Fernkälte-Ausbaus der Wiener Netze. Der Fund war dann auch Teil einer Ausstellung im Römermuseum.

Kristina Adler-Wölfl neben dem Säulensockel

Kristina Adler-Wölfl zeigt den gefundenen Säulensockel.

Das befindet sich nur ein paar Meter weiter, zwischen dem Hohen Markt und der Landskrongasse. Und auf dieser Straße wurde vor Kurzem ein weiterer Meilenstein in der Wiener Archäologie-Szene erreicht. Denn dort stieß das Team während laufender Grabungen für die Fernkälte auf eine Säulenbasis aus der Zeit von Vindobona. 

Sie dürfte laut Wölfl zu einem sogenannten Portikus, also einem Säulengang, gehört haben. Dieser Säulengang soll sich entlang der „Via principalis“ befunden haben. „Das war die Hauptstraße von Vindobona“, erklärt Wölfl. Sie führte ungefähr von der heutigen Ertlgasse bis zur Hohen Brücke auf der Wipplingerstraße.

Grabungen dank Fernkälte

Die damalige Straße lag rund zweieinhalb Meter tiefer als das heutige Straßenniveau. Darunter wurde bei einer anderen Straßengrabung auch ein Kanal aus dieser Zeit entdeckt, der liegt in circa vier Metern Tiefe.

Die Grabungen stehen im Zusammenhang mit dem Ausbau der Fernkälte. Gerade im ersten Bezirk wird das Netz derzeit stark erweitert. „Im ersten Bezirk haben wir den stärksten Ausbau, weil dort auch die größte Nachfrage ist“, sagt Michaela Deutsch, Geschäftsbereichsleiterin der Energiedienstleistungen der Wien Energie.

Diesen Anstieg betrachte man aber schon seit Längerem. Einer der Hauptgründe für die große Nachfrage im 1. Bezirk sind laut Deutsch die historischen Gebäude, die auch oft unter Denkmalschutz stehen. „Für die Kühlung dieser Gebäude ist die Fernkälte die beste Lösung.“ Unter der Erde verlegte Rohre transportieren die Kälte zu den Gebäuden.

Kleine Zeitreisen

Für die Archäologie bleibt derweil jede neue Künette für die Fernkälte eine kleine Zeitreise. Die gefundenen Objekte werden zunächst restauriert und wissenschaftlich bearbeitet, dann landen sie im Depot des Wien Museums in Himberg. Ausgewählte Stücke schaffen es später in Ausstellungen – wie das gefundene Gefängnisfenster vom Bauernmarkt.

Kommentare