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Chronik | Wien
06/20/2019

Stadt Wien soll Wohnungen für Obdachlose widmen

Laut Expertinnen könne die Wohnungslosigkeit in Wien beendet werden. 1.000 Wohnungen müssten dafür pro Jahr reserviert werden.

Wien hat einen guten Ruf, was die Versorgung von Obdachlosen betrifft. Für sie stehen zahlreiche Einrichtungen zur Verfügung.

Es gibt Quartiere, in denen sie tagsüber Zeit verbringen oder über Nacht bleiben können. Es gibt spezielle Häuser für Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Pflegebedarf, für wohnungslose Menschen mit  Kindern oder Haustieren,  Notunterkünfte, Winterquartiere, betreutes Wohnen und leistbares Wohnen für Menschen, die kurzfristig in Wohnungslosigkeit geraten sind.

Trotzdem gibt es in Wien „keine zufriedenstellende Lösung für obdachlose Menschen“ – das sagen Elisabeth Hammer und Daniela Unterholzner, Geschäftsführerinnen vom Neunerhaus. Erstaunlich ist das deshalb, weil auch das Neunerhaus Obdachlose betreut und Wohnplätze zur Verfügung stellt.

Laut den beiden Expertinnen sind in Wien zu viele Menschen in stationären Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe untergebracht. „Der Fonds Soziales Wien hat das Versagen des Wohnungsmarktes aufgefangen“, argumentieren die Expertinnen.

Das Engagement sei lobenswert, aber nicht zielführend. Die Menschen „durchs System zu schleifen“ verursache nicht nur Kosten, es sei auch nicht der beste Weg, um sie dabei  zu unterstützen, wieder in die eigene Wohnungen zu ziehen.

Laut Hammer und Unterholzner ist es sogar  möglich, die „Wohnungslosigkeit in Wien zu beenden“. Und zwar, indem die Stadt pro Jahr 1.000 Wohnungen für Obdachlose, die in Österreich Anspruch auf Sozialleistungen haben, schafft – in Neubauten genauso wie in Wohnhäusern der Gemeinde, von gemeinnützigen oder privaten Wohnbauträgern.

Funktionieren soll das über Widmungen.  Stadt,  NGOs und Wohnbauträger müssten zusammenarbeiten, über Förderungen und Zuschüsse sollen die Wohnungen leistbar sein. Vorbild für dieses Konzept des „Housing First“ ist Finnland. „Obdachlose Menschen brauchen zuerst Wohnungen, um den nächsten Schritt zu tun“, sagen die Expertinnen. Nicht nur temporär, sondern langfristig.

Laut Soziologin Laura Wiesböck  von der Universität Wien sind Mieten für immer „eine immer größere Gruppe nicht leistbar“.  
Vom Fonds Soziales Wien heißt es, dass man „notwendige Schritte“ setze, um Obdachlosigkeit zu verhindern. Die  „Verfügbarkeit von leistbarem Wohnraum“  sei dafür „ zentral“. Insgesamt wurden 2018  11.730 obdach- oder wohnungslose Menschen betreut.

Der Anteil der Frauen steigt und lag 2018 bei knapp 30 Prozent. Im Bereich „Housing First“  hat der FSW 2018 1.348 Kunden betreut. Laut einer Sprecherin lebten 90 Prozent von ihnen zu Jahresende in der eigenen Wohnung.