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Chronik Wien
10/08/2019

Stadt Wien braucht bis 2030 mehr als 9.000 neue Pflegekräfte

Alternde Bevölkerung und Pensionierungswelle im Pflegedienst erfordern rasch Maßnahmen. Was geplant ist.

von Ingrid Teufl

Wien wird älter – und das ziemlich schnell: Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Stadtbewohner über 65 Jahre auf mehr als 300.000 steigen. Das heißt: Es wird sich auch der Pflegebedarf erhöhen – und die Stadt braucht dafür mehr Personal. Und zwar mehr als 9.121 neue Pflegekräfte.

Diese Zahl ergibt sich aus einem zusätzlichen Bedarf von 4.044 Personen und der Abdeckung von 5.077 anstehenden Pensionierungen. Zum Vergleich: Derzeit arbeiten in Wien 12.339 Menschen in der langfristigen Pflege und Betreuung.

Die Aufteilung der Pflegekräfte im Detail:

Das ist das Ergebnis einer Bedarfserhebung, die die Stadt aufgrund des derzeitigen Ist-Stands erheben ließ.  Dafür wurden Daten von 12.300 Personen aus 400 Wiener Pflegeeinrichtungen analysiert. (von der Langzeitpflege in Wohn- und Pflegeheimen über mobile Dienste bis zur Behindertenarbeit).

„Für uns ist die Hauptfrage, wie viele Personen bis 2030 in Pension gehen“, erklärt Gesundheitsstadtrat Peter Hacker. Die Frage der Rekrutierung von qualifiziertem Fachpersonal sei noch wichtiger als die Finanzierung. „Das zentrale Thema ist das Fachpersonal.“

An mehreren Seiten ansetzen

Um den erhöhten Bedarf zu decken, will Wien an mehreren Schrauben drehen. „Die Studie war der erste Schritt, jetzt geht es darum, Szenarien zu entwickeln, dass wir das 2030 stemmen“, sagt Sandra Frauenberger, Geschäftsführerin des Dachverbands der Wiener Sozialeinrichtungen. Man will etwa bereits in der Ausbildung ansetzen. Denn derzeit gehen von rund 1.200 frisch ausgebildeten Pflegekräften nur rund 500 in den Langzeitpflegebereich. Der Großteil der Absolventen arbeitet vorerst in Krankenhäuser. Und auch die Zahl jener Absolventen, die in ihre Heimatbundesländer zurückkehren, soll berücksichtigt werden. Hacker kann sich etwa besondere Anreize vorstellen. Die beiden größten Ausbilder im Pflegebereich – Krankenanstaltenverbund und Fonds Soziales Wien – sollen Konzepte erarbeiten.

Laut Studienautorin Brigitte Juraszovich von der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) lässt sich die Zahl der benötigten Pflegekräfte auch durch eine Stundenerhöhung der Teilzeitkräfte etwas verringern. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten liegt im Pflegebereich in Wien immerhin bei 57 Prozent.

Notfalls Rekrutierung im Ausland

Hacker will zudem auf neue Arbeitsmodelle setze, etwa einen Mix aus Einsätzen im mobilen sowie im stationären Bereich oder eine bessere Kinderbetreuung für die Mitarbeiter. Und eine bessere Bezahlung? Da wäre der Stadtrat nicht abgeneigt, aber: „Das Gehalt ist zwar eine wichtige, aber nicht die einzige Frage“.  

Wenn alle Maßnahmen nicht fruchten, will Hacker noch weiter gehen. Er kann sich vorstellen, „in Ländern, in denen es ein Überangebot gibt“, Pflegekräfte zu rekrutieren. Damit erinnert er an eine Strategie der Stadt aus den 1970er- und 1980er-Jahren, als viele Pflegemitarbeiter von den Philippinen erfolgreich angeworben wurden.