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Chronik Wien
10/15/2018

Stadt lässt Haus in Kleingartensiedlung abreißen

Zu hoch, zu groß, zu nahe am Nachbarsgrund: Nach jahrelangem Streit lässt Behörde die Bagger auffahren. Eigentümer ist empört.

von Josef Gebhard

„Unsere komplette Existenz wird mutwillig zerstört“ – fassungslos muss Thomas Siegel zuschauen, wie Bagger im Auftrag der städtischen Behörden an diesem Montagvormittag das Haus abreißen, in dem er bis vor Kurzem mit seiner Frau und den beiden 11-jährigen Zwillingen wohnte.

Der finale Akt eines jahrelangen Streites: 1999 errichtet, stellten die Behörden bereits 2008 fest, dass das Haus auf dem Areal des Kleingartenvereins „Werk VI“ in der Leopoldau (Floridsdorf) in gleich mehreren Punkten nicht den Bauvorschriften entspricht: Mit 68 Quadratmetern Grundfläche ist es um 18 m² größer als in Kleingartensiedlungen erlaubt, das Gebäude ist zu hoch, und auch die Mindestabstände zum Nachbargrundstück wurden nicht eingehalten.

Nachdem der Eigentümer laut Behörde keine Anstalten zeigte, das Haus rückzubauen, ließ sie nun die Bagger ausrücken: „Das Haus wurde komplett anders gebaut als es bewilligt wurde“, schildert Otto Eckl von der MA 25. „Seit 2012 waren wir im ständigen Kontakt mit dem Eigentümer. In etlichen Besprechungen haben wir aufgezeigt, welche Umbauten durchgeführt werden können, damit das Haus wieder den Vorschriften entspricht. Bei vier Terminen gab es von ihm die Zusage, dass er einen Rückbau durchführen wird. Er hat sie nicht eingehalten.“

Eigentümer Siegel sieht das anders: „Nach Errichtung des Hauses hat die Baupolizei nichts daran auszusetzen gehabt.“ Er versteht auch nicht, warum die Behörden es jetzt so eilig haben: „Der für den Umbau nötige Grundstückstausch war kurz vor dem Abschluss. Warum hat man nicht noch ein paar Wochen warten können?“ Um zu belegen, dass er es mit dem Umbau ernst gemeint hat, verweist er auf die Ersatzwohnung, die er mit seiner Familie bereits bezogen hat.

Der Schaden für Siegel ist jedenfalls enorm: „Unser Haus hat einen Schätzwert von rund 250.000 Euro.“ Hinzu kommen die Abrisskosten von rund 50.000 Euro, die ebenfalls ihm verrechnet werden. Deshalb will er rechtliche Schritte ergreifen: „Es kann ja nicht sein, dass ich und unsere Kinder bis zu unserem Lebensende die Schulden zurückzahlen.“

Siegel sieht sich als Sündenbock, denn sein Haus sei bei weitem nicht das einzige in der Siedlung, das nicht vorschriftsmäßig errichtet wurde. Von „reiner Willkür“ spricht auch Bezirksrat Hans Jörg Schimanek (WIFF). „In der Kleingartensiedlung Siemensstraße gibt es seit 2004 für elf Häuser rechtskräftige Abbruchbescheide – passiert ist aber nichts.“

Hinter vorgehaltener Hand ist von Streitigkeiten zwischen Siegel und dem Vereinsobmann die Rede, für die der Hausbesitzer jetzt büßen müsse.

Bei der MA 25 weist man diese Vorwürfe zurück: „Die Baubehörde hat die gesamte Anlage kontrolliert und eine Reihe von Auffälligkeiten entdeckt. Der Großteil davon ist bereits erledigt“, sagt Eckl.

Behördliche Totalabrisse wie in diesem Fall kommen in Wien nur sehr selten vor. Der aktuelle sei erst der zweite innerhalb der vergangenen zehn Jahre, heißt es im Büro von Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal (SPÖ).

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