Chronik | Wien
22.07.2018

Sommer in der Stadt: Im Asphalt sitzen und versinken

Halleluja, das ist der Sommer. Die Städter erobern den öffentlichen Raum. Das war nicht immer so.

Die Geschichte vom Sommer geht so. Mann und Frau kaufen rollende Schuhe um zusammen zu rollen. Sie rollen und können nicht halten und stürzen und versinken im heißen Asphalt.

Mit schrulligen Beschreibungen huldigte Peter Licht schon 2003 in seinem Lied „Die Geschichte vom Sommer“ dem Treiben auf der Straße während der heißen Jahreszeit in der Stadt.

Geschichten vom Sommer gibt es viele. Zum Beispiel darüber, dass sich die Menschen ihre Freiräume in der Stadt zurückholen.

Oben ohne, das Gesicht gen Himmel gerichtet und die kurze Hose noch aufgekrempelt, liegt Ron auf seinem Handtuch. Allerdings nicht auf einer der zahlreich vorhandenen (und unbesetzten) Holzbänke, sondern auf dem Asphalt. „Auf den Bänken zieht man sich so leicht Holzspäne ein“, sagt Ron.

Um dem urbanen Sonnenbad zu frönen, kommt der 25-Jährige oft auf die Wientalterrasse bei der Pilgramgasse. „Ich mag das hier, den Lärm von den Autos und der U-Bahn. Man ist mitten in der Stadt“, sagt Ron. Am Nachmittag ist er – abgesehen von einem schmusenden Touristenpärchen – der einzige auf der Terrasse. Aber am Abend, wenn die Sonne untergeht, treffen dort junge Leute ihre Freunde, trinken ein Dosenbier oder mischen sich einen Spritzer in ihrem mitgebrachten Becher. „Die Leute halten sich wieder öfter draußen auf“, sagt Ron. „Vielleicht sind sie draufgekommen, dass man von Facebook und Instagram allein auch nicht leben kann.“

Wikinger im Stadtpark

Tatsächlich scheinen die Zeiten, in denen die Städter den öffentlichen Raum nur eingeschränkt nutzen durften, vorbei zu sein (siehe Kasten). Bestes Beispiel dafür ist der Donaukanal. Tagsüber wird trainiert, abends setzen sich die Städter am Ufer zusammen. In der Innenstadt beginnen sich die Wiener am späten Nachmittag auf den Plätzen und in den Parks unter die Touristen zu mischen.

Eggert (27), Hallgrimur (30) und Lukaš (26) werfen Stöckchen in der Stadtpark-Wiese. Nein, nicht einem Hund, sondern auf den König – den König von Kubb. Kubb ist ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem eine Mannschaft versucht, die Holzklötze („Kubb“ ist Schwedisch für „Klotz“, Anm.) der anderen Mannschaft umzuwerfen. Der König, der in der Mitte steht, darf erst zum Schluss umfallen. Eggert und Hallgrimur sagen, Kubb ist ein „Wikinger-Spiel“. Die beiden sind Isländer. Und Isländer, sagen sie, sind Wikinger. Wikinger trinken übrigens Aperol Spritz – aus Nutellagläsern und mit frisch geschnittener Orange.

Skater am Karlsplatz

Eine paar Gehminuten weiter am Karlsplatz sitzen Karolini (23) und Karina (25) mit dem Laptop auf dem Asphalt. Die beiden bereiten eine Tanzstunde vor. „Hier ist immer was los“, sagt Karina.

Tim (17), der heuer maturiert hat, und Liam Che (16), der seine Ferien genießt, sitzen am Brunnen vor der Karlskirche, die Skateboards vor ihnen. Liam Che beißt von einem ganzen Camembert ab, danach isst er noch zwei Bananen. Die beiden machen gerade Pause, seit zwei Stunden skaten sie auf den Stiegen und Rampen vor der Kirche auf und ab. Skater haben schon immer den öffentlichen Raum erobert, auch am Karlsplatz: „Es ist chillig, einfach“, sagt Tim.

Oder wie Peter Licht es formulierte:

Halleluja, das ist der Sommer. Im Asphalt sitzen und versinken. Skateboards zeugen, Augäpfel piercen.

Im Gras liegen und picknicken: verboten

Bis 2007 war in Wien das Liegen  auf Grünflächen in Parks verboten und bei Zuwiderhandlung sogar mit Strafe bedroht. Stadträtin Ulli Sima (SPÖ)  novellierte die Grünanlagenverordnung.  Mittlerweile forciert die Stadt die Nutzung des öffentlichen Raums, etwa durch den Bau der Wientalterrassen oder der  Grätzl-Oasen.  Seit 2015 dürfen etwa auf Parkplätzen Sitzmöglichkeiten geschaffen werden. 2015  gab es 30 Grätzl-Oasen,  heuer sind es bereits 70. Strenger ist Italien:   Wer sich in Rom auf den Rand des Trevi-Brunnens  setzt, wird  mitunter von Polizisten verscheucht. Der Vorstoß, die  Spanische Treppe zu umzäunen, um Picknicker fernzuhalten, löste einen Sturm der Entrüstung aus. Florenz gab 2017 bekannt,   Kirchentreppen abzuspritzen, um essende Touristen fernzuhalten.