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Chronik | Wien
01/14/2019

Mit Schlafsack und Schokolade: Auf Streetwork mit dem Kältebus

Die Sozialarbeiter der Caritas sind im Winter täglich mit dem Kältebus unterwegs. Und stoßen dabei auch auf Schwierigkeiten.

Es ist stockfinster auf der Donauinsel, nur ein kleines Licht blinzelt etwas weiter vorne. Es ist der erste Hinweis darauf, dass hier, in einem der Sommerlokale am Wasser, jemand sein Lager aufgeschlagen hat. „Hallo?“, ruft Susanne Peter. „Ja, hallo? Hier bin ich“, ruft eine Männerstimme zurück. „Wir sind’s, die Caritas“, sagt Susanne Peter. Die leitende Sozialarbeiterin der Gruft, der Obdachloseneinrichtung der Wiener Caritas in Mariahilf, ist an diesem kalten Jännerabend auf Nacht-Streetwork mit dem Kältebus.

Jeden Tag sind Sozialarbeiter der Caritas im Winter in der Nacht unterwegs. Sie gehen den Hinweisen nach, die über das Kältetelefon (01/480 45 53, siehe Ende des Artikels) eintrudeln. Jede Meldung wird überprüft, die Stationen werden nach Dringlichkeit gereiht. Mann mittleren Alters schläft seit ca. 1 Monat unter der Plane vom DJ Pult hat jemand den Freiwilligen am Kältetelefon mitgeteilt.

Es ist Alex (44) aus Wien. Dort, wo im Sommer ein DJ Tanzmusik für die Sonnenanbeter auflegt, hat er sich unter einem Holzverschlag ein Lager eingerichtet. Über die Matratze, auf der er schläft, hat er eine Plane gespannt. Seit Kurzem hält sie auch: "Die Leut' von dem Lokal haben sie mit mir angetuckert", erzählt Alex. Vorher habe er mit jeder verfügbaren Schnur versucht, die Plane festzubinden - vergeblich. "Die Leut' von da helfen mir sehr", sagt Alex.

Der 44-Jährige ist der erste, den die Sozialarbeiterin der Gruft an diesem Tag auch tatsächlich an seinem Schlafplatz antrifft. Dabei war es schon die dritte Station auf der nächtlichen Streetwork-Tour. Die erste Fahrt führte von der Gruft im 6. Bezirk auf die Alsstraße in Hernals.

Bei der 43er- Station stadtauswärts hat sich jemand aus Pappkartons einen Verbau gebaut lautete die Meldung. Doch da ist nichts. Keine Kartons. Keine Matratze. Keine Reste eines Zelts. Nichts, was auf den Schlafplatz einer obdachlosen Person schließen würde. Susanne Peter sucht die nähere Umgebung der Straßenbahnstation ab. Einen Parkplatz, einen Müllplatz, die Wiesen rundherum. Doch auch da -  nichts.

"Das ist sinnlos, fahren wir weiter", sagt Peter. An jeder Station, wo sie niemanden findet, muss sie abwägen, ob sich es sich noch lohnt, weiterzusuchen. Susanne Peter macht sich auf den Weg zum Barbenweg in Wien-Donaustadt. Wenn man von der A23 auf die Donaustadtstraße fährt, sind Plastiksäcke bei den Stützpfeilern der A23. Dort soll ein Obdachloser sein blaues Zelt aufgeschlagen haben. Susanne Peter sucht den Barbenweg ab. Und den Lachsweg. Und den Hechtweg. Und alle Stützpfeiler der A23. Unter keinem finden sich Plastiksackerl. Von einem blauen Zelt ist keine Spur. "Auch das ist Kältetelefon“, sagt die Sozialarbeiterin.

Mehr Anrufer, mehr Leermeldungen

Seit die Zahl der Hinweise bei der Telefonhotline so stark angestiegen ist (in diesem Winter wurden bereits über 3500 Anrufe von Freiwilligen entgegengenommen, das sind um mehr als 30 Prozent zum Vergleichszeitraum des Vorjahres, Anm.), gibt es auch mehr unkonkrete Hinweise. Wenn jene, die die Schlafplätze melden, ihre Telefonnummer nicht angeben, ist es besonders problematisch. "Dann können wir nicht anrufen, wenn wir vor Ort sind, und genauer nachfragen", sagt Peter.

Also steigt Susanne Peter wieder in den Kältebus und fährt die nächste Station im 22. Bezirk an. Auf einer Wiese neben einem Supermarkt hat sich jemand aus Europaletten eine Hütte gebaut. Gedämmt mit Styroporplatten, verhangen mit Decken.

Schon drei Mal waren Sozialarbeiter hier, doch auch heute ist niemand zu Hause. Susanne Peter hinterlässt eine Tafel Schokolade und einen Zettel. Diesmal war der Besuch besonders wichtig, denn die Wiese muss geräumt werden. Der Verschlag wird wohl abgerissen werden. Ziel ist es, möglichst viele Obdachlose von der Straße in die Notquartiere, die im Winter in Wien bereitstehen, zu bringen. Doch das braucht Zeit. Oft geht es beim Streetwork einfach darum, Vertrauen aufzubauen, da zu sein, zuzuhören.

Auch bei Alex ist das so. "Ich hab' jetzt die dritte Saison auf der Donauinsel", erzählt er. Seit neun Jahren ist er obdachlos. Es gab Streit in der Familie, er brauchte Geld und hat ein paar krumme Geschäfte mit einem Freund gedreht. Danach hat er Österreich verlassen, ist 37.000 Kilometer vor allem durch Europa gegangen, erzählt er. "Ich war in Spanien, in Italien, in Nepal." Seit er wieder zurück in Österreich ist, hat er keine Meldeadresse, lebt Sommer wie Winter auf der Insel. "Ich hab zwei zerrissene Schlafsäcke", erzählt er der Sozialarbeiterin. Und eine Hose mit zerfressener Innentasche. Jemand hat Alex Hustenzuckerl geschenkt, er hat sie in seine linke Hosentasche eingesteckt. Über Nacht hat eine Maus die Zuckerln samt der Hosentasche gefressen.

Jammern will er nicht. "Mir geht's eh gut", sagt er. "Am ersten Tag hat mir jemand Sommerschuhe gebracht, zwei Tag später Arbeitsschuhe und dann" - Alex legt eine Pause ein. Die Stimme bricht- "Dann", erzählt er weiter, "haben sie mir diese Moon Boots gebracht." Die Leute vom Lokal bringen ihm Kleidung und füttern ihn durch. Essen von Susanne Peter lehnt er ab. "Das können andere dringender brauchen, als ich." 

Ins Notquartier will Alex nicht. "Da bleib ich lieber allein", sagt er. Unter seiner Plane neben dem DJ-Pult sei er ungestört. Hier könne er gut nachdenken und lesen, am liebsten Fantasy. Zuletzt Wolfgang Hohlbeins "Genesis - Eis, Stein, Diamant". Susanne Peter drückt ihm einen winterfesten Schlafsack (hält warm bis zu minus 24 Grad) und eine neue Hose in die Hand. Und eine Tafel Schokolade.

In zwei drei Wochen wird Susanne Peter wieder bei Alex am DJ-Pult vorbeischauen und nach ihm sehen. Vielleicht mag er dann mit ins Notquartier fahren.

Kältetelefon

Das Kältetelefon der Caritas Wien ist an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr unter 01/480 45 53 erreichbar. Ein Anruf beim Kältetelefon kann Leben retten. Freiwillige Helfer nehmen die Anrufen entgegen und notieren die Schlafplätze der Obdachlosen. Die Sozialarbeiter suchen alle Schlafplätze auf. 50 freiwillige Dolmetscher helfen den Sozialarbeitern in 23 Sprachen telefonisch aus.

Sachspenden:

Der Bedarf an Sachspenden und die Abgabestellen werden auf www.winternothilfe.at aufgelistet.

Aktuell gebraucht werden: Warme Jacken, winterfeste Schuhe, Schals, hauben, Handschuhe, lange Unterwäsche.

Geldspenden:

Wer 50 Euro spendet, beschert einer obdachlosen Person einen winterfesten Schlafsack und eine warme Mahlzeit.

Caritas Spendenkonto: IBAN: AT163100000404050050. Kennwort: „Gruft Winterpaket“. Online-Spenden: www.gruft.at

Zeit spenden:

Infos über die Möglichkeiten von freiwilligem Engagement gibt es unter www.zeitschenken.at