Schießplatz Stammersdorf: Anrainer wünschen sich, dass Polizei auszieht
Das Leben in Stammersdorf klingt wie ein großes Feuerwerk. Mehrmals in der Woche sind laute Knaller zu hören, die bunten Lichter aber bleiben aus. Das liegt daran, dass das Feuerwerk in Stammersdorf kein echtes Feuerwerk ist. Sondern Schießlärm.
Der kommt vom Schießplatz. Den gibt es in Stammersdorf schon seit Jahrzehnten, das Problem mit der Lautstärke aber habe sich erst in der jüngeren Vergangenheit zugespitzt. „Wir müssen uns regelrecht in unsere Häuser sperren. Eine Nachbarin hat sich zur Maturavorbereitung sogar in den Keller gesetzt,“ berichten einige Anrainer, die sich schon länger für eine Lösung einsetzen.
Das aber gestaltet sich kompliziert. Genutzt wird der Schießplatz – der dem Bund gehört – nämlich gleich von mehreren Akteuren: dem Bundesheer, dem Sportverein „HSV Wien Schießen“ (bei dem interessierte Private schießen können) und seit nicht allzu langer Zeit trainiert auch die Polizei in Stammersdorf.
Vor allem die beiden letztgenannten Nutzer seien dafür verantwortlich, dass die Lärmbelastung in den vergangenen Jahren zugenommen habe, berichten die Anrainer. Beim Sportverein werde immer mehr geschossen, darunter auch samstagvormittags. Und die Polizei trainiere seit einigen Jahren mit Langwaffen auf dem Areal. Also jener Art von Waffen, deren Schall besonders laut ist – und die für das Feuerwerk-ähnliche Geräusch verantwortlich ist.
Ganze Schießtage gestrichen
An der Lärmbelastung habe auch die erst kürzlich vom Floridsdorfer Bezirksvorsteher Georg Papai (SPÖ) in einer Aussendung verkündete Erfolgsmeldung nichts geändert. Zu lesen war darin: „Die Wiener Polizei hat entschieden, 50 Prozent der Schießübungen, die bisher in Stammersdorf durchgeführt wurden, auf einen Schießplatz des Bundesheeres nach Niederösterreich zu verlagern. Damit werden ganze Schießtage ersatzlos gestrichen.“
Auf Nachfrage bei der Polizei heißt es dazu: „Um die Belastung in Stammersdorf zu reduzieren, wurden einzelne Schießtermine nach Leitzersdorf (Niederösterreich, siehe Grafik, Anm.) verleg.“ In Stammersdorf werde derzeit nur noch an zwei Tagen die Woche geübt.
Den Anrainerinnen und Anrainern sei diese Entscheidung bereits Anfang des Jahres mitgeteilt worden, sagt Philip Ebinger, der Teil der Anrainerinitiative ist. Die Situation habe sich zwischenzeitlich auch verbessert, mittlerweile aber werde wieder mehr geschossen: „Es ist eher die Ausnahme, dass es einmal ruhig ist.“ Vor allem vor dem Song Contest habe die Polizei intensiv trainiert, deutlich öfter als an zwei Tagen in der Woche. An sich sei es auch verständlich, dass für ein derartiges Großereignis trainiert werden müsse, sagt Ebinger. „Aber uns wird andauernd etwas versprochen, und dann gibt es immer wieder Gründe, warum doch geschossen wird.“
Auf dem Schießplatz gebe es zu viele Akteure, die sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben und die Ansprechpartner würden zu oft wechseln, beklagen die Anrainer. „Für uns ist schwer nachvollziehbar, wer wann schießt.“ Die Belastung sei dadurch umso größer.
Philip Ebinger (li.) und Hannes Pail, Anrainer des Schießplatzes, wünschen sich eine Lösung für das Lärmproblem.
Gegen den Schießplatz per se seien die Anrainer dennoch nicht, betonen sie mehrmals. Allerdings müssten bestimmte Maßnahmen gesetzt werden: Es brauche eine Art Stundenplan, um nachvollziehen zu können, wer wann schießt. Außerdem brauche es besseren Schallschutz für das Freigelände, auf dem die Polizei trainiert sowie eine Schallmessung. Letzteres wird übrigens auch von der Volksanwaltschaft gefordert. Noch glücklicher wären die Anrainer aber, wenn die Polizei – und damit auch die lautstarken Langwaffen – das Gelände zur Gänze verlassen würde.
Zieht die Polizei aus?
Grundsätzlich steht der Schießplatz der Polizei an fünf Tagen in der Woche zur Verfügung, heißt es vonseiten des Bundesheeres, das den Platz verwaltet. Die Veröffentlichung der genauen Schießtage sei zudem rein aus Sicherheitsgründen schwer umsetzbar, heißt es von der Polizei. Dazu kommt, dass Stammersdorf für die Wiener Polizei eine ganz besondere Bedeutung hat: Er wird „insbesondere für die Ausbildung mit Lang- und Kurzwaffe benötigt“, teilt eine Sprecherin mit. Und weiter: „Aufgrund der Belastung durch Schmauch, Geschoßknall und Druckwellen muss die Ausbildung im Freien stattfinden.“ Zusätzliche Schallschutzmaßnahmen seien auf der Außenfläche derzeit nicht realisierbar, heißt es vom Bundesheer.
Das neue Einsatztrainingszentrum der Polizei in Süßenbrunn ist seit 2022 geöffnet. Mit Langwaffen kann die Polizei dort derzeit nicht trainieren, in naher Zukunft soll das aber möglich sein. Was das für Stammersdorf bedeutet, ist noch unklar.
Bleibt also der mögliche – und von den Anrainern erwünschte – Auszug der Polizei. Das Augenmerk richtet sich hierbei in den Nachbarbezirk. Genauer gesagt nach Süßenbrunn, wo seit Sommer 2022 ein neues Einsatztrainingszentrum steht. Der Haken an der Sache: Mit Langwaffen kann dort derzeit nicht geschossen werden. Der bestehende Langwaffenschießstand werde derzeit an die „neuen Ausbildungs- und Sicherheitsstandards angepasst“, heißt es von der Polizei.
Ob die Schießübungen in Stammersdorf nach der Eröffnung des neuen Schießstandes in Süßenbrunn weiter reduziert werden oder der Schießplatz Stammersdorf von der Polizei ganz aufgelassen wird, sei derzeit noch nicht absehbar, heißt es sowohl bei der Polizei als auch im Innenministerium. Letzteres würde bei den Anrainern in Stammersdorf aber sicherlich ein Feuerwerk der Gefühle auslösen.
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