Mythos "rotes Wien": Wohntraum mit Wasser, WC und Waschküche
Der Karl-Marx-Hof, einer der bekanntesten Gemeimeindebauten Wiens
Nachdem Königin Elisabeth II. in einer Zwei-Zimmer-Wohnung am Kaisermühlendamm 1 am Tee nippte, konstatierte sie, die an Paläste gewöhnt war: "Sie haben eine schöne Wohnung", soll die Monarchin jenes Ehepaar beglückwünscht haben, dessen Heim sie 1969 auf ihrem Staatsbesuch in Österreich besichtigte.
Die Königin im Gemeindebau
Eine echte Königin im Gemeindebau, das gibt es nicht alle Tage. Der durch ihre Stippvisite geadelte Marshallhof, errichtet in den 1950er-Jahren, reiht sich in die lange Liste der Gemeindewohnhäuser Wiens ein, die ihren Ursprung in der Ersten Republik haben. Es galt, die eklatante Wohnungsnot der weniger begüterten Bevölkerung der zu einer Millionenmetropole angewachsenen Stadt zu lindern.
Schon 1919 wurde mit städtischem Wohnbau begonnen, Fahrt nahm er ab 1922 auf. Damals griff das "Trennungsgesetz", Wien wurde ein eigenständiges Bundesland und konnte selbst Landesgesetze erlassen – darunter auch solche, bei denen es um Abgaben ging.
Wohnbausteuer und Wohnbauprogramm
Eine Möglichkeit, die der sozialdemokratische Finanzstadtrat Hugo Breitner weidlich nützte, um den Wohnbau voranzutreiben. 1923 wurden im Gemeinderat Wohnbausteuer und Wohnbauprogramm beschlossen. Die Stadtgemeinde begann, Grundstücke aufzukaufen, und besaß 1924 bereits das meiste Bauland in Wien.
Unschlagbare Mieten
Binnen eines Jahrzehnts wurden 65.000 leistbare Wohnungen errichtet – der Mythos des "roten Wien" war geschaffen. Rund 380 Gemeindebauten wurden in der Ersten Republik errichtet, die für ihre Zeit eine Sensation waren: Fließendes Wasser und Toiletten in jeder Wohnung, die meisten besaßen auch Balkons oder Loggien.
Es gab Waschküchen in den Häuserblöcken und Stiegenhäuser, die von begrünten Innenhöfen erreichbar waren. Die Mieten waren unschlagbar niedrig: Fünf bis zehn Prozent seines Durchschnittslohnes musste ein Arbeiter Mitte der 1920er-Jahre für eine Gemeindewohnung zahlen.
Luxussteuern finanzierten Wohnbauten
Das Geld für die Bauoffensive kam unter anderem auch durch von Breitner initiierte Luxussteuern herein. Bis 1931 gab die Stadt knapp 67 Millionen Schilling für Grundstücke aus, eine unfassbare Summe: Der historische Währungsrechner der Nationalbank weist dafür in heutiger Kaufkraft rund 323 Millionen aus – aber in Euro.
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