Zeitzeuge Otto: Er lebt seit 73 Jahren im Wiener Gemeindebau
Wenn im Fernsehen der Kasperl auf das Krokodil drosch, saßen beim Otto auf der 8er-Stiege bis zu zehn Kinder gebannt auf dem Fußboden des größten Zimmers der Wohnung. Ein Fernseher war Ende der 1950er-Jahre Luxus, jedenfalls im Gemeindebau vom Otto am Ende der Stadt, in Jedlersdorf.
Die Partei regelte viel
Regelmäßig läutete der Kassier der Partei an die Türen der Genossen und Genossinnen. Die Partei, die SPÖ, konnte manches regeln: Wohnung, Arbeit in einer Konsum-Filiale im Bezirk. Dafür erhielt die Partei bis zu 80 Prozent der Stimmen bei Wahlen.
Als der Autor dieser Zeilen vor vierzig Jahren seine Wohnung auf der Stiege vom Otto bezog, lenkte dieser noch ein paar Jahre lang Straßenbahnen durch Wien, vor allem die Linie 31, vulgo „den 31er“.
Als Fassaden und Mehrheiten zu bröckeln begannen
In den nun folgenden Jahren begann nicht nur die Fassade des Baus zu bröckeln. Auch die satten Mehrheiten der SPÖ bei den Wahlen lösten sich auf, während Jörg Haiders FPÖ in Ottos „Bau“ peu en peu nach oben kletterte. Die lauten Slogans gegen Ausländer und „die da oben“ wurden vor allem von jenen geglaubt, die zwar von der SPÖ protegiert worden waren, aber sich nicht gehört fühlten.
Bei der Renovierung der Fassade sowie der Fenster am Ende des alten Jahrtausends wurden auch die Halterungen für die am 1. Mai aufgesteckten roten Fähnchen entfernt. Rund um 2000 begann auch der große Exodus der Altmieter. Die einen zogen in ein Wohnheim für Senioren, andere zu ihren Kindern, wieder andere auf den Friedhof.
Klassischer Gemeindebau in Floridsdorf: Neu sind die Fassaden – und viele Bewohner.
Die Freunde, die mit dem Otto gemeinsam gebannt dem Kasperl und dem Krokodil zugesehen hatten und später eine homogene Nachbarschaft bildeten, traten ab. Neue Mieter zogen nun in ihre Wohnungen, darunter die ersten mit nicht-deutscher Muttersprache.
Mit ihnen kamen auch endlich wieder Kinder in den relativ kleinen Bau mit seinen 16 Stiegen, drei Waschküchen und insgesamt 149 Wohnungen.
Andere Abgeordnete
In zunehmend mehr der 149 Wohnungen wurden Sprachen gesprochen, die der Otto-Generation fremd sein mussten. Es kam zu ersten Missverständnissen – und auch zu Reibereien. Diese hätte früher „die Partei“ im Nu mit einem Machtwort geschlichtet, doch ihre Abgeordneten wohnen jetzt nicht mehr im „Bau“.
Es kamen daher andere Abgeordnete, von einer anderen Partei. Und die schenkten jenen, die mit diesem und jenen unzufrieden waren, Gehör. Sie boten keine Lösungen der Probleme an, aber sie wiederholten, dass die Ausländer an allem schuld sind. Und „die da oben“.
Mehr war nicht nötig. Die SPÖ verlor nun ihre Hausmacht an die FPÖ. Diese punktet heute, was interessant ist, auch bei jenen, die sie zuvor als „Ausländer“ diffamiert hat. Coronavirus, Ukraine-Krieg, Iran, Teuerungen bei Miete, Strom, Gas und Lebensmittel – der Haussegen hängt im Bau vom Otto schon länger schief. Fortsetzung folgt.
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