Ringstraßen-Umbau: Positive Reaktionen und Kritik vom Experten
Radfahrer am Radweg am Schottenring.
Knapp 140 Autos stehen am Freitag in der Nebenfahrbahn der Ringstraße zwischen Schottentor und Schottenring. Nur wenige Radfahrer schlängeln sich auf dem grün markierten Radweg entlang, immer wieder kreuzt sich ihr Weg mit Fußgängern und anderen Radfahrern.
Das soll anders, besser, werden. Die Stadt hat am Donnerstag ihre „Ringlösung“ präsentiert. Die auf der Innenstadt-Seite gelegene Nebenfahrbahn wird aufgelassen, in manchen Bereichen wird die Zufahrt gestattet, etwa zu den Hotels.
Nebenfahrbahn mit parkenden Autos am Ring.
Der Fußgänger- und Radverkehr wird entflochten, für beide Fortbewegungsmöglichkeiten wird eine eigene Allee errichtet, der Gehsteig entlang der Häuserfront bleibt bestehen.
Die Frage nach den Kosten
Beim Lokalaugenschein am Tag nach der Präsentation gibt es vor Ort durchwegs positive Reaktionen. „Ich hab es gerade gelesen, ich finde es gut“, sagt eine Fußgängerin, die auch gerne mit dem Rennrad fährt. Was sie sich aktuell aber fragt: „Stehen die Kosten wirklich dafür?“ Denn diese belaufen sich laut KURIER-Informationen auf 30 Millionen Euro für alle Bauabschnitte. Detaillierter wollte die Stadt keine Auskünfte geben.
Alltagsradlerin Pauline.
Alltagsradlerin Pauline ist auch am Freitag mit dem Fahrrad aus der Donaustadt in die Innenstadt gefahren. Dass die Situation für Radfahrer und Fußgänger am Ring verbessert wird, hält sie für dringend nötig: „Wichtiger wäre es aber am Stubenring, dort sind viel mehr Touristen unterwegs.“
Parkgarage statt Parkplatz in der Nebenstraße
Unterdessen steigt ein Mann in sein Auto in der Nebenfahrbahn am Ring. Mit seinem SUV mit Wiener Kennzeichen ist er zu einem Termin in der Börse gefahren. Dass die Parkplätze wegfallen, ist für ihn kein Thema, obwohl er selbst einen nutzt. „Es gehören eh viel weniger Autos in der Innenstadt“, sagt er, schaut auf und ergänzt: „Ich bin hier hereingefahren, weil es überall Parkplätze gibt, dann nehme ich die Parkgarage da vorne, wenn es keine Parkplätze mehr gibt.“
Ein Radfahrer auf einem grün markierten Radstreifen.
Der ÖAMTC zeigte sich zwar erfreut, dass der Fußgänger- und Radverkehr entflochten wird und die Fahrspuren auf der Hauptfahrbahn beibehalten werden, die Nutzung der Nebenfahrbahn erfreut den Autofahrerclub aber nicht. Diese seien gerade als Zu- und Abfahrt für Taxis und Lieferanten besonders wichtig. Die ÖAMTC-Vorschläge hätten den Wirtschaftsverkehr stärker berücksichtigt, ist man überzeugt.
Was der Verkehrsexperte dazu sagt
Ungeteilte Zustimmung gibt es auch nicht vom Verkehrsexperten Ulrich Leth vom Institut für Verkehrswissenschaften an der TU Wien, sagt: „Na ja, es ist ein guter Anfang.“
Das gelte vor allem für die Entflechtung der Verkehrsflächen für Radfahrer und Fußgänger. Als größten Kritikpunkt führt er an, dass die gleichen Planungen nicht auch für die andere Seite des Rings angestellt werden.
Ulrich Leth, Instititut für Verkehrswissenschaften, TU Wien.
Weniger Zufahrten in den 1. Bezirk
Worauf Leth zusätzlich hinweist, ist die Frage, wie die Umsetzung dann im Detail erfolgt. Darin könnten noch viele Tücken stecken. So sei nicht zu erkennen, ob die Einfahrten in den ersten Bezirk vom Ring kommend ausreichend eingeschränkt werden.
Er würde es vor allem mit Blick auf die nun geschaffene Möglichkeit der Videoüberwachung von Einfahrten in die Innenstadt für sinnvoll erachten, generell möglichst wenige Einfahrten vom Ring nach rechts in die Innenstadt zuzulassen. Einerseits aus Sicherheitsgründen, aber auch, um Kosten für die Videoüberwachung zu sparen.
Den Baubeginn im Herbst hält Leth für verspätet. „Wenn schon fix ist, dass man die Nebenfahrbahn mehr oder weniger auflässt, könnte man sofort eine temporäre Lösung für die Radfahrer ohne bauliche Maßnahmen realisieren.“
Frühere Lösung für Experten wünschenswert
Also die Parkplätze zum Großteil sofort streichen und den Radweg vom Schottentor bis zum Franz-Josefs-Kai noch im Frühjahr den Radfahrerinnen und Radfahrern zur Verfügung zu stellen: „Das wäre vor dem Sommer besonders wichtig.“ Sinnvoll wäre aus seiner Sicht auch gewesen, bei den ausgewiesenen Hotspots wie am Stubenring zu beginnen.
Zwischen Fußgängern und Radfahrern gibt es am Ring oft Konflikte.
Eine Frage taucht beim Ringumbau immer wieder auf: Warum nicht einfach eine Fahrspur der drei Hauptfahrbahnen für Radfahrer umwidmen? Dazu sagt Ulrich Leth, Experte vom Institut für Verkehrswissenschaften an der TU Wien, dass das nur scheinbar eine leichtere Herangehensweise wäre.
Tempo 30 am ganzen Ring?
Denn diese drei Spuren sind zwischen den beiden Straßenbahngleisen eingebettet, eine Umwidmung würde zu vielen Konflikten zwischen Radfahrern und den Straßenbahnen führen und nicht zwangsläufig zu mehr Sicherheit führen.
Die Ringstraße am Schottenring.
Darüber hinaus gebe es gerade auf der Ringstraße auf den Nebenfahrbahnen, die auf jeder Seite bis zu drei Autospuren beinhalten, ausreichend Platz für die geplanten Maßnahmen.
Was der Experte auch ins Treffen führt, ist die Geschwindigkeit der Autos am Ring. Die drei Fahrspuren am Ring sind größtenteils eher eng. Aufgrund dieser Ausgangslage wäre es aus verkehrstechnischer Sicht gut argumentierbar, für die gesamte Ringstraße Tempo 30 zu verordnen.
Denn diese Maßnahme würde viele Verbesserungen bringen: Die Lärmbelastung in der Innenstadt wäre sofort viel geringer, für die immer noch bestehenden Querungen, oft ohne Ampel, wäre es angenehmer, und Tempo 30 führe generell zu mehr Sicherheit. Was Leth gar nicht für sinnvoll hält: Aus den drei Spuren auf dem vorhandenen Platz nur zwei zu machen: „Das ist nicht nötig, das führt nur zu höheren Geschwindigkeiten.“
Die dritte Farbe
Zur Markierung des Radweges in dem sandfarbenen Beige meint Leth: „Das schaut ja schön aus. Aber in Wien haben mir damit nach rot und grün jetzt die dritte Farbe auf einem Radweg.“
Neugestaltung der Ring-Straße Renderings.
Damit falle die Signalwirkung, die der rote Belag für Autofahrer habe, weg: „Das ist zwar vielleicht für das Stadtbild schöner, aber es trägt nicht zur Wiedererkennung als Radfahrinfrastruktur bei.“
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