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Abbruch
12/18/2018

Abbruchhäuser: Heftiges Ringen um Wiens Gründerzeit-Perlen

Trotz verschärfter Bauordnung müssen Denkmalschützer um erhaltungswürdige Häuser kämpfen.

von Thomas Pressberger, Stefanie Rachbauer

In den kommenden Wochen entscheidet sich, ob das Wiener Gründerzeitstadtbild weiter dezimiert wird oder ob der Abrisswut Einhalt geboten werden kann. 50 Hausbesitzer haben nach der Novelle der Wiener Bauordnung im Sommer Einspruch gegen  die Abbruchstopps ihrer historischen Gebäude erhoben, die Fälle liegen beim Verwaltungsgericht.

Für Denkmalschützer befinden sich darunter einige Perlen, wie das Tröpferlbad in Währing, Biedermeierhäuser in der Mariahilfer Straße oder ein ganzes Ensemble in der Jörgerstraße. Hier dazu eine Karte der gefährdeten Objekte in ganz Wien

Die Vorgangsweise mancher  Bauherren, eine Abbruchgenehmigung zu erreichen, sorgt für heftige Debatten. So geschehen rund um ein Gründerzeithaus in der Radetzkystraße, wo  mit dem  Abbruch begonnen wurde, obwohl im Haus noch Menschen wohnten.

Verwahrlosung

Die meisten Hausbesitzer gehen weniger brachial, aber trotzdem wirkungsvoll vor, weiß Claus Süss, Vorstand des Vereins Initiative Denkmalschutz. „Oft wird der Stuck der Fassaden abgeschlagen und das Haus so verwahrlost wie möglich zurückgelassen, damit die Behörde bei der Begutachtung keinen erhaltungswerten Charakter mehr vorfindet.“ Auch Elemente im Inneren, wie keramischer Dekor, Kastenfenster, Doppelflügel-Türen beim Eingang  oder geätzte Fenster mit schönen Motiven  werden herausgerissen. „Es sind die Details in Summe, die  die Atmosphäre ausmachen“, sagt Süss.

Solchen Tricks könnte das ehemalige Quartier des Gasthauses Sperl zum Opfer fallen. Der Abriss des Gebäudes in der Karolinengasse wurde im Juli gestoppt, derzeit soll der Fall ebenfalls bei Gericht liegen. Derzeit ist der Dachstuhl offen, wie folgendes Bild zeigt:

Die Wiedner Grünen fürchten, dass es für das Haus schon zu spät sein könnte. Statt das Gemäuer  wie von der Baupolizei vorgeschrieben von der Witterung zu schützen, sei eine Geschoßdecke eingerissen worden. „Das Wasser kann  weiter eindringen“, sagt die grüne Vize-Bezirkschefin Barbara Neuroth. „Wir vermuten, dass der Eigentümer ein anderes Interesse hat als den Erhalt.“

Zahnlose Novelle

Süss bezweifelt, dass die Novelle (siehe Kasten) wirkungsvoll ist. „Die Anfänge sind nicht sehr überzeugend, die Zugeständnisse, die die Stadt bei Abbrüchen gemacht hat, sind nicht  immer nachvollziehbar.“ Er unterstellt der Stadt auch, dass sie die Novelle weniger für den Schutz des Stadtbildes, als für den Erhalt günstigen Wohnraums verabschiedet hat.

„Seit die Abbruchgenehmigung von Häusern außerhalb von Schutzzonen 1997 abgeschafft wurde, sind mehr als tausend historische Häuser verloren gegangen und durch Neubauten ersetzt worden“, so Süss. Die Miete  betrage dort  bis zu drei Mal so viel.

Eine weitere Kritik: Gutachten, die eine Abbruchreife feststellen, seien nach wie vor nicht einsehbar. Dabei wisse man, dass es sich oft um Gefälligkeitsgutachten handle.

Verschärfung

Die Stadt Wien hat im Juni  einen Teil der  Bauordnung novelliert. Das Vorhaben war ursprünglich für Herbst geplant, doch wurde es vorgezogen, um „Last-Minute“-Abrisse von Wohnhäusern, die vor 1945 errichtet wurden, zu unterbinden. Mit der Neuregelung braucht es zwingend eine Genehmigung der MA 19 (Architektur und Stadtgestaltung). Nur wenn die Behörde das betreffende Haus als nicht erhaltenswürdig einstuft, darf es geschleift werden. Die Baupolizei verhängte bei rund 80 Baustellen einen Baustopp, gegen den rund 50 Beschwerden  gerichtlich anhängig sind.

Die Zahl der Gründerzeithäuser ging in den vergangenen  Jahren  zurück. Gab es im Herbst 2009 noch 15.529 Gründerzeit-Zinshäuser, waren es im August 2018 nur noch 14.071.   

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