© KURIER/Franz Gruber

Chronik | Wien
06/05/2014

Restitution frei nach Franz Kafka

In spätem Erbschaftskrimi stehen für einen Historiker drei Jahre Haft auf dem Spiel.

Beim Treffen mit dem KURIER rollt Stephan Templ den 5,40 Meter langen "offiziellen" Stammbaum der Familie Fürth aus: "Da steht die Tante auch nicht drinnen." Aber weil er die Tante im Restitutionsantrag für seine Mutter verschwiegen und dadurch die Republik Österreich um 550.000 Euro geschädigt haben soll, wurde der in Prag lebende Historiker und Journalist mit jüdischen Wurzeln als Betrüger zu drei Jahren Haft verurteilt.

Der Fall von einer Dimension wie im Prozess von Franz Kafka hat weltweit Schlagzeilen gemacht. Am kommenden Freitag erfährt Templ (von Verteidiger Christof Dunst begleitet) im Wiener Justizpalast, ob er wirklich hinter Gitter muss. "Das will ich mir nicht vorstellen", sagt er.

Das Sanatorium Fürth in Wien-Josefstadt, in dem unter anderen Marcel Prawy zur Welt kam, wurde dem in den Tod getriebenen jüdischen Besitzer von den Nazis geraubt. Erst 2002 beginnen ein Genealoge und ein Notar, für ein Honorar von einem Drittel der eingebrachten Summe, die verstreuten Erben ausfindig zu machen. 2005 entschließt sich Österreich endlich zur Restitution. Auf die einzige in Wien lebende Erbin, Templs Mutter, wird vergessen. Der Journalist erfährt durch Zufall, dass das herrschaftliche Gebäude in Rathaus-Nähe verkauft werden soll und bringt seine Mutter ins Spiel. "Man wollte sie nicht finden", sagt Templ. "Und mich nicht im Boot haben", als kritischen Autor von Büchern über Restitution. Templ füllte ein 30-seitiges Antragsformular aus, das seiner Mutter letztlich 1,1 Millionen Euro für den Zwölftelanteil am Sanatorium Fürth einbringt. Die Seite 23 für die Angabe weiterer möglicher Anspruchsberechtigter lässt er leer. "Wahrscheinlich habe ich sie überblättert." Dass er die überwiegend in den USA lebende Schwester seiner Mutter, mit der man zerstritten ist und seit 30 Jahren keinen Kontakt hat, verschwiegen hat, kann man vielleicht moralisch verurteilen.

Aber auch die anderen Erben erwähnten sie nicht, obwohl eine Cousine sogar einst bei der Tante gewohnt hat. Und es wäre an der für die Restitution gebildeten Schiedskommission gelegen, zu überprüfen, ob es noch Anspruchsberechtigte gibt. "Die Republik kann doch nicht etwas hergeben, ohne zu überprüfen, was sie an wen hergibt", sagt Templ. Zur Rechenschaft gezogen wurde aber nur er.

Unklare Rechtslage

Die Begründung für seine Verurteilung im Wiener Landesgericht überzeugt laut Templ nicht einmal dessen Präsidenten Friedrich Forsthuber. Der habe bei einer Uni-Veranstaltung erklärt, Österreich könne nie geschädigt sein, der Betrug sei an der Tante verübt worden, was wiederum im Urteil ausgeschlossen wird. Dort steht: Hätte die Tante ihr Erbe ausgeschlagen (was sie auf Befragen ausdrücklich verneint, allerdings meldete sie sich zu spät), hätte Österreich ihren Anteil eingesackt.

Drei Jahre Haft? Wie man am Fall André Rettberg sieht, können Berufungssenate Urteile komplett umdrehen: Der zunächst zu dreieinhalb Jahren verurteilte Ex-Libro-Chef muss wegen der Zehn-Millionen-Untreue gar nicht ins Gefängnis.