Chronik | Wien
13.11.2018

Rekord: Schon 800.000 Fahrgäste haben eine Jahreskarte

Noch nie wurden so viele 365-Euro-Tickets verkauft. Das Wiener Modell macht international Schule.

Eine Öffi-Nutzerin aus der Leopoldstadt bescherte den Wiener Linien einen Freudentag: Die zweifache Mutter erwarb die 800.000 Jahreskarte und markiert somit einen neuen Rekord. Zudem nähert sich das Verkehrsunternehmen der Stadt auch bei den Fahrgastzahlen dem erklärten Ziel von einer Milliarde Passagieren im Jahr bis 2020 an – 2017 wurden bereits 961,7 Millionen gezählt.

Dass Wien punkto Öffi-Politik Vorbildwirkung hat, belegt die aktuelle politische Debatte in Hamburg. Dort denken Teile der SPD laut über die Einführung einer 365-Euro-Jahreskarte nach Wiener Vorbild nach. Dies würde die Fahrgastzahlen steigern und gleichzeitig den Individualverkehr reduzieren, argumentieren die Befürworter. Die Karte bedeute „bezahlbare Mobilität für alle Bürger“ und helfe dabei, lokale Klimaschutzziele zu erreichen.

38 Prozent aller Wege

In Wien haben sich die Zahlen der verkauften Jahreskarten und der Öffi-Nutzer seit Einführung des 365-Euro-Tickets jedenfalls kontinuierlich gesteigert. So waren es im Jahr 2012 noch 501.000 Besitzer und 906,6 Millionen Passagiere. Von den nunmehr 800.000 Jahreskartenbesitzern sind übrigens 704.200 Wiener.

Zudem hat sich das Mobilitätsverhalten erheblich verändert. Wie man bei den Wiener Linien gern anführt, gibt es mehr Jahreskartenbesitzer als angemeldete Pkw in Wien. Deren Anzahl lag mit Ende vorigen Jahres bei 701.657. Laut Statistik Austria legt die Bevölkerung der Bundeshauptstadt mittlerweile 38 Prozent aller Wege mit den fünf U-Bahnen, 28 Straßenbahnen und 128 Bussen zurück. Nur 27 Prozent werden mittels Auto erledigt.

Um den positiven Trend fortzusetzen investieren die Wiener Linien viel. So wurden 2018 rund 407 Millionen Euro in Netzausbau und Fahrzeugbeschaffung gesteckt. Zudem wird der niedrige Preis für eine Jahreskarte durch Zuschüsse der Stadt ermöglicht. 2016 belief sich der Betriebskostenzuschuss auf 316 Millionen Euro – damit wurden rund 40 Prozent des laufenden Betriebs der Wiener Linien finanziert.

Autofahrer profitieren

Maßgeblich verantwortlich für die Existenz des 365-Euro-Jahrestickets ist zwar die rot-grüne Koalition. Verkehrsexperten glauben aber nicht, dass unter anderen politischen Verhältnissen an der Errungenschaft gerüttelt würde.

Vor allem, weil unter einer Abschaffung der günstigen Jahreskarte in erster Linie die Autofahrer leiden würden, wie Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) erklärt. „Denn die würden dann umso mehr im Stau stehen.“ Zudem wäre jede Preiserhöhung extrem unpopulär – treffe sie doch 800.000 Menschen. Davon abgesehen stehen Öffis bei den Wienern allgemein hoch im Kurs: 91 Prozent der Bevölkerung nutzen sie, zwei Drittel häufig.