Wien am 20.01.2013, Abendstimmung

© KURIER/gruber franz, Franz Gruber

Interview
04/29/2013

Raumplaner: "Wienerberg City ist ein Sündenfall"

Raumplaner Reinhard Seiß über die Fehler der Stadtplaner und das Erfordernis einer City-Maut.

von Martin Gantner

Keiner kritisiert die Wiener Stadtplanung präziser als Reinhard Seiß. Der Raumplaner über Spekulation, Hochhaus-Irrsinn und fragwürdige Pendler-Politik. Sein Buch „Wer baut Wien“ erschien soeben in der vierten Auflage.

KURIER: Herr Seiß, wir erleben einen Hochhaus-Boom in Wien – am neuen Hauptbahnhof, auf der Donauplatte und an anderen Orten. Fluch oder Segen?

Reinhard Seiß: Hochhäuser sind nicht per se gut oder schlecht. Ich glaube, dass wir nicht zwingend mehr Hochhäuser brauchen. Wien hat ein Verteilungsproblem: Würde nicht so viel kostbare Fläche für Einfamilienhäuser, Kleingartensiedlungen oder eingeschoßige Gewerbebauten mit Parkplätzen vergeudet, könnte sich Wien im Wohnbau recht moderate Dichten leisten. Mit diesem suburbanen Städtebau sollte man brechen.

Sie haben die SPÖ stets für verhaberte Stadtplanung kritisiert. Seit zwei Jahren regiert Rot-Grün. Zufrieden?

Ich denke, ja. Die Planungspolitik ist sicher sachlicher. Nachhaltigkeit, Urbanität und Ökologisierung spielen eine größere Rolle. Um von einer Wende zu reden, ist es aber zu früh.

Wo gibt es Aufholbedarf?

In vielen Bereichen. Angesichts des Wachstums kommt einer selbstbewussteren Bodenpolitik, die Grundstücke zu vertretbaren Preisen für die Stadtentwicklung verfügbar macht, aber besondere Bedeutung zu.

Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig will Liegenschafts-Eigentümer mit einer Infrastruktur-Abgabe zur Kasse bitten. Der richtige Schritt?

Zu einer vernünftigen Bodenpolitik gehört auch ein kostengerechter Umgang mit der Siedlungsinfrastruktur. Wenn von einer solchen Abgabe Lenkungseffekte für eine geordnete Stadtentwicklung ausgehen, ist sie zu befürworten. Dazu kommt, dass Betreiber von Großprojekten ihre Gewinne bisher ohne jede Gegenleistung für die Allgemeinheit machen können. Um sie gerecht zu besteuern, reicht die Infrastruktur-Abgabe wohl nicht aus.

Wien wird in den nächsten zwei Jahrzehnten zur Zwei-Millionen-Stadt. Sind wir gerüstet?

Solange Wien und Niederösterreich den Bau von Autobahnen und Schnellstraßen forcieren, wird der Speckgürtel wachsen. Man kann heute im Weinviertel billig Grund kaufen, sich mit Wohnbauförderung ein Haus bauen und mit der Pendlerpauschale via A5, S1 und A23 direkt in die suburbanen Gewerbegebiete Wiens fahren. So ist die Verkehrswende nicht zu schaffen. Allein, dass rund 200.000 Pendler pro Tag mit dem Auto nach Wien fahren, und das Rathaus nichts Durchgreifendes dagegen tut, ist verantwortungslos. Wien braucht eine City-Maut wie Stockholm oder Oslo.

Wien bietet als Alternative innerstädtische Großprojekte wie die Seestadt Aspern.

Wenn dort gelingt, was man sich vornimmt, ist es ein Schritt in die richtige Richtung. Aber auch anhand der Seestadt sieht man die Inkonsequenz in der Verkehrspolitik. Zwar erhalten die Bürger einen U-Bahn-Anschluss. Gleichzeitig gelangen sie aber über eine faktische Schnellstraße direkt ins Autobahnnetz. So wird eine Verlagerung auf den öffentlichen Verkehr nicht gelingen. Mehr Straßen bedeuten mehr Autos.

Was müsste Planungsstadträtin Vassilakou tun?

Für sie allein ist es schwierig. Als Verkehrsstadträtin etwa kann sie nicht über das wichtigste Instrument – die Wiener Linien – verfügen. Die gehören ins Ressort der Finanzstadträtin. Ähnlich die Bauordnung , die die übergeordneten Ziele der Stadtentwicklung definiert. Hierfür ist der Wohnbaustadtrat zuständig. Diese Kompetenzverteilung ist nicht hilfreich.

Was sind die größten Bausünden in Wien der letzten Jahre?

Die Wienerberg City war ein Sündenfall: mehr als tausend Wohnungen, keine Freiräume, kaum öffentlicher Verkehr und teils unsoziale Architektur. Ein weiterer Witz ist Monte Laa: Über der meistbefahrenen Autobahn Österreichs wurde ein ganzer Stadtteil aus sozialen Wohnbauten errichtet – wieder ohne U-Bahn oder Bim.

Wien Mitte ist wohl das beste Beispiel für die Interessensverquickung von Politik, Finanz- und Bauwirtschaft in Wien. Der größte Skandal ist aber, dass dieses drittklassige Spekulationsobjekt am freien Immobilienmarkt wohl abgestraft worden wäre und die öffentliche Hand nun als Mieter einspringt.

Was ist diesen drei Projekten gemein?

In allen Fällen haben Grundeigentümer und Bauträger gemeinsam mit der Politik drittklassige Projekte auf Kosten der Steuerzahler umgesetzt. Damit ist einigen wenigen geholfen, die große Mehrheit aber hätte Besseres verdient.

KURIER-Stadtgespräch

„Innenstadt – Museum und Goldene Meile?“ Mit KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon diskutieren Tarek Leitner (ORF), Christoph Stadlhuber (Signa-Holding), Gabriela Spiegelfeld (Bright Minds). Freitag, 3. Mai, 16.00–17.30 Uhr. Stadtfest Wien, Stadtbühne im Zelt. Eintritt frei.

Nachwuchs für die Wiener Skyline