Chronik | Wien
14.04.2018

Rasches Lifting in der Mittagspause

Stetig sperren neue Schönheitsordinationen auf. Jetzt gibt es eine im Luxusviertel „Goldenes Quartier“

Annelies Ries sieht aus dem Fenster, ihr Blick fällt auf die Geschäfte von Prada, Bottega Veneta, 7 For All Mankind. Vielleicht wird sie nachher noch bei einem der Luxusshops vorbeischauen.

Die 52-Jährige befindet sich im Wartezimmer des Kuzbari Zentrums, der neuen Praxis für ästhetische Medizin im Wiener Luxusviertel „Goldenes Quartier“. Der alte Standort im Palais Todesco war für Rafic Kuzbari und seine Chirurgen zu klein geworden.

Annelies Ries möchte sich hier über Coolsculpting (Verminderung von Fettgewebe durch Anwendung von Kälte, Anm.) informieren. Seit die gebürtige Italienerin vergangenes Jahr ihre erste Behandlung hatte (MiraDry, eine Schweißdrüsenbehandlung), gebe es „immer wieder einen Grund“, hierher zu kommen. Falten am Hals glätten lassen, Kosmetikbehandlungen – und nun vielleicht Coolsculpting am Oberschenkel.

Neben Annelies Ries hat Michaela Klocke Platz genommen. Die 37-Jährige hat sich die Brust vergrößern lassen. Als Produktentwicklerin bei einem Unterwäsche-Geschäft habe sie sich so lange „mit dem perfekten Busen“ beschäftigt, bis sie selbst einen wollte. Die 8000 Euro seien jeden Cent wert gewesen. „Jeder ist doch lieber schön“, sagt sie. Die Schmerzen habe sie auch in Kauf genommen. „Es heißt ja nicht umsonst ,Wer schön sein will, muss leiden’“, pflichtet ihr Annelies Ries bei.

Perfekte Bilder

So wie Annelies Ries und Michaela Klocke denken offenbar immer mehr Menschen. „Vor einigen Jahren waren Schönheitsoperationen ein Thema für die wohlhabende A-Schicht, heute leisten sich auch Durchschnittsverdiener eine Behandlung“, sagt Chirurgin Dagmar Millesi. Einerseits sei das bedingt durch TV-Sendungen wie „Alles für die Schönheit“. Aber auch die Bilder der scheinbar perfekten Menschen in den sozialen Netzwerken leisten ihren Beitrag.

An eine Sättigung des Kundenstamms glaubt auch Chirurg Jörg Knabl jedenfalls noch lange nicht: „Statistisch gesehen geht noch ein geringer Anteil zu einem Schönheitschirurgen, unter zehn Prozent.“ Interessiert seien bis zu 40 Prozent. Kontinuierlich sperren also neue Ordinationen auf, rund 250 gibt es im ganzen Land. Allein ein Zehntel befindet sich im ersten Wiener Gemeindebezirk. „Früher gab es drei plastische Chirurgen im Ersten, heute sind es mehr als 25“, sagt Millesi, bei der sich der Standort in der Naglergasse einfach so ergeben hat.

Rafic Kuzbari hat das Goldenen Quartier hingegen bewusst gewählt: „Wenn Patienten eine minimal invasive Behandlung haben, und danach nicht beeinträchtig sind, ist ein zentraler Ort von Vorteil.“ So könne man den Termin mit Erledigungen verbinden, vielleicht in die Mittagspause legen. Und wenn Patienten über Nacht bleiben, können sie Speisen aus dem nahe gelegenen Luxushotel der Kette Park Hyatt bestellen.

Alarmglocken

Während die ästhetischen Chirurgen zur Zeit äußerst zufrieden sind, verfolgen andere sie mit größter Besorgnis. „Der Trend zu Schönheitsoperationen ist nicht nur beunruhigend, weil es immer mehr werden, sondern auch, weil immer mehr Bereiche des – vor allem weiblichen – Körpers normiert und optimiert werden sollen“, sagt Kristina Hametner, Leiterin des Büros für Frauengesundheit und Gesundheitsziele der Stadt Wien. Und sie ergänzt: „Wenn junge Frauen sich darüber Gedanken machen, ob ihr Intimbereich schön genug ist und sich Frauen nach der Geburt operieren lassen, um ihren ,jungfräulichen’ Körper wiederzuerlangen, müssen bei uns die Alarmglocken läuten.“

„Das gesellschaftliche Ideal ist der Mädchenkörper“, ergänzt Patientenanwältin Sigrid Pilz. „Altern wird nicht mehr zugelassen. Das beginnt bei der Kosmetik und endet bei der Operation. Aber wir müssen Frauen klar machen, dass sie da nicht mitmachen müssen. Und dazu braucht es auch Männer, die diese Erwartungen nicht mehr stellen.“