"Ich wusste, wenn jetzt was passiert, werde ich sterben"

Rania Mustafa Ali
Foto: KURIER/Jeff Mangione Seit einem Jahr lebt die 21-Jährige in Wien: „Das ist so, als würde man in einem Museum wohnen“

2,5 Millionen Menschen sahen die Dokumentation von Rania Mustafa Alis Flucht aus Syrien. Seit einem Jahr lebt die 21-Jährige in Wien.

Zu Beginn wirkt sie ungezwungen, bestimmt. Fast so, als würde sie sich nur auf eine längere Reise aufmachen, sich in ein Abenteuer stürzen. "Ich bin 20 Jahre alt und habe noch nichts in meinem Leben gemacht. Ich will eine Zukunft haben", sagt Rania Mustafa Ali am Beginn ihres Video-Tagebuchs.

In dem Video, das in Kooperation mit dem Filmemacher Anders Hammer entstanden ist, erzählt die 21-Jährige von ihrer Flucht aus Syrien.

Rania Mustafa Ali ist auch ihrer Heimat geflüchtet… Foto: /Anders Hammer/Escape from Syria: Rania's odyssey Rania Mustafa Ali vor den Trümmern ihrer Heimatstadt Kobane Es zeigt die verschiedenen Stationen, die Ali auf ihrer insgesamt dreieinhalb Monate andauernden Flucht erlebt hat. Im Video ist zu sehen, wie Ali den Rucksack für ihre Flucht packt: Eine Hose, eine Zahnbürste, den Pass, ein Handy, ein Buch ("Das Schicksal ist ein mieser Verräter" von John Greene), DVDs ihrer Lieblingsserie Game of Thrones und Fotos ihrer Mutter. Sie ist bereits vor zehn Jahren an Krebs gestorben.

Man sieht die 20-Jährige kurz vor dem Grenzübertritt in die Türkei, wie Rania gemeinsam mit 51 anderen in einem Schlauchboot für 15 Personen das Mittelmeer überquert. Das Video zeigt freudestrahlende Gesichter, als Rania und Ayman, ein Freund aus Kindheitstagen, den sie auf der Flucht wieder getroffen hat, die Grenze nach Mazedonien passiert haben und Tränen der Verzweiflung, als sie von Mazedonien zurück nach Griechenland geschickt wurden.

Kriegserinnerungen

"Ich hätte nicht gedacht, dass es so hart wird", erzählt die 21-Jährige. Was das Schlimmste an der Flucht war? "Ich dachte, es würde die Überfuhr über das Mittelmeer werden. Ich kann nicht schwimmen und ich wusste, wenn jetzt etwas passiert, werde ich sterben." Schlimmer als die Fahrt über das Mittelmeer war für sie allerdings jener Zeitpunkt, als mazedonische Grenzsoldaten Tränengasbomben nach den Flüchtlingen warfen. "Es war, als würden wir wieder im Kriegsgebiet sein", erzählt Rania Ali.

Seit einem Jahr lebt die 21-Jährige mittlerweile in Wien. Sie und Ayman konnten mit gefälschten Pässen als Touristen getarnt per Flugzeug einreisen. Rania fühle sich wohl in der Hauptstadt. "Es ist, als ob man im Museum wohnen würde", sagt sie. Trotzdem tue sie sich noch schwer mit dem neuen Leben hier.

In Sicherheit, aber allein

"Um ehrlich zu sein, ich fühle mich allein", erzählt die 21-Jährige. Zwar teile sie sich mit zwei anderen eine WG im dritten Bezirk. Und auch Ayman, mit dem sie geflüchtet ist, lebt hier. Aber sie vermisse ihre Familie: Ihren Vater, der mit ihren vier Schwestern und ihrem Bruder noch in Kobane lebt und nicht flüchten kann, weil ihre Geschwister noch zu klein sind und eine ihrer Schwestern gehbehindert ist.

Rania Mustafa Ali Foto: KURIER/Jeff Mangione In Wien habe sie noch nicht richtig Anschluss gefunden: "Ich versuche wirklich, mich zu integrieren, aber Kontakt zu Österreichern zu finden ist sehr schwierig", erzählt sie. "Sie sind alle sehr nett, aber man kann kaum zu ihnen durchzudringen", sagt sie. Und ohne Job sei es fast unmöglich, mit Österreicherin in Kontakt zu kommen.

Fünf Mal pro Woche besucht Ali einen Deutschkurs des AMS. Ansonsten habe sie aber nicht viel zu tun. "Das belastet mich", sagt sie. "Ich habe mich für so viele Jobs beworben – auch bei McDonald’s, zum Beispiel." Aber dass ihr Deutsch nach einem Jahr noch nicht perfekt ist, sei ein großes Hindernis bei der Jobsuche. "Deswegen konzentriere ich mich jetzt voll darauf, die Sprache zu lernen."

Wenn das erledigt ist, will sie studieren und Journalistin werden. Rania Mustafa Ali wurde vom Bundesasylamt subsidiärer Schutz gewährt. Drei Jahre kann sie bleiben, dann wird wieder über ihren Asylstatus entschieden.

Dokumentation

„Mit Menschen nicht so umgehen“

Filmemacher Anders Hammer zur Motivation hinter dem Film

Der norwegische Dokumentarfilmer Anders Hammer war gerade im syrischen Kobane, als eine junge Frau auf ihn zukam: Rania Ali, die ihm erzählte, sie wolle ihre geplante Flucht dokumentieren – es fehle ihr allerdings am filmischen Handwerk.
Ali bekam von Hammer einen zweiwöchigen Crashkurs, bevor sie zu ihrer Odyssee aufbrach, die sie letzten Endes nach Österreich führte – und die sie, wann immer möglich, mit einer GoPro filmte. 2,4 Millionen Menschen haben die Dokumentation bisher gesehen, die der Guardian am Mittwoch veröffentlichte (zu sehen auf kurier.at/politik). „Sie ist eine großartige Person, die vor der Kamera sehr natürlich wirkt“, erzählt Filmer Hammer, der sie  während der Reise  auch in Griechenland im Flüchtlingslager besuchte.
 Ihre Flucht war lebensgefährlich, „wir haben abgemacht, dass sie nie filmt, wenn sie das zusätzlich in Gefahr bringen könnte“, sagt er. „Am beeindruckendsten waren für mich die Szenen auf dem Boot und als die mazedonische Polizei auf sie geschossen hat.“ Die beklemmenden Szenen mit einschlagenden Tränengasgranaten sind für Hammer  jene, die vermutlich niemand geglaubt hätte, wären sie nicht filmisch festgehalten.
 Er habe mitbekommen, wie die Stimmung gegenüber Flüchtlingen in Österreich gekippt sei und hoffe,  seine Arbeit könne einige Menschen zum Umdenken bewegen: „Wir sollten mit Menschen, die aus dem Krieg flüchten, nicht so umgehen.“ (Thomas Trescher)

(kurier) Erstellt am
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