Unterricht im Ramadan: Wie ein Lehrer die Fastenzeit erlebt hat
Dass die christliche und muslimische Fastenzeit wie dieses Jahr zeitgleich stattfinden, ist ein seltenes Ereignis. Letztere neigt sich heute, Donnerstag, 19. März, dem Ende zu – und damit auch die einhergehende Debatte um fastende Schülerinnen und Schüler.
Anders als im Christentum, wo 40 Tage lang beispielsweise Fleisch, Alkohol oder Süßigkeiten aufgegeben werden, wird im Ramadan von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang – bis zum Fastenbrechen – auf Wasser und Nahrung verzichtet.
Das kann sich auch im Schulalltag auswirken. Immer wieder zirkulieren Berichte von "unterzuckerten Kindern" oder Ohnmachtsanfällen – obwohl Kinder eigentlich vom Fasten ausgenommen sind.
Wie es in der Schule abläuft
Durchaus differenziert erlebt Özgür die Fastenzeit in der Schule. Er ist seit mehreren Jahren Lehrkraft an einer Mittelschule in Wien-Simmering. Viele seiner Schülerinnen und Schüler sind muslimisch. "Ich habe dieses Jahr nicht gemerkt, dass etwas besonders anders gewesen wäre als sonst", sagt er im Gespräch mit dem KURIER. Er selbst habe es bisher nicht erlebt, dass es einem Kind aufgrund des Fastens schlechter ging. Dennoch gehe er stets behutsam mit Fastenden um.
Zum Beispiel merke man manchmal im Turnunterricht am Nachmittag, dass Schülerinnen und Schüler schneller müde werden. "Wir schauen, dass wir sensibel darauf eingehen. Das machen wir jedoch immer, wenn die Kinder sich nicht gut fühlen, auch wenn nicht Ramadan ist", sagt Özgür. In seinem Sportunterricht wird auf Spiele gesetzt: "Das gibt Kindern den Freiraum, auch Pausen zu machen, wenn sie das brauchen." Andere Kollegen würden im Ramadan zum Beispiel aufs Joggen verzichten.
Konzentrationsprobleme wegen Ramadan?
Seinen Unterricht baut der Lehrer sonst eigentlich nicht rund um den Fastenmonat auf, er wisse aber von Lehrkräften, die sehr wohl ihre Stunden umstrukturieren würden.
"Der Matheunterricht, wo die Kinder am meisten Input bekommen, findet am Vormittag statt", so Özgür. Zu dieser Zeit sei die Konzentration gewöhnlich noch am besten. Dem Unterricht nicht aufmerksam folgen zu können sei seinem Empfinden nach kein reines Ramadan-Phänomen: "Wir haben ein gesellschaftliches Problem. Die Kinder können sich kaum drei Minuten konzentrieren, ohne dass sie abgelenkt sind", berichtet der Lehrer. Verantwortlich dafür seien mitunter Handys und Social Media.
"Wir haben ein gesellschaftliches Problem. Die Kinder können sich kaum drei Minuten konzentrieren, ohne dass sie abgelenkt sind"
Fasten auf Zeit
Dennoch bereite man sich jährlich auf die Fastenzeit vor, sagt er. Vorab werden von der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) sowie der Direktorin Informationen mit den Lehrkräften geteilt, wie sie fastende Schülerinnen und Schüler bestmöglich unterstützen können. Wie das tatsächlich umgesetzt wird, liege im Ermessen der Lehrerinnen und Lehrer.
"Man muss aber auch betonen, dass viele Eltern das heutzutage gut regeln", ergänzt Özgür. So gebe es Kinder, die nur am Wochenende fasten dürfen, oder jüngere Schülerinnen und Schüler, die zu Beginn des Ramadans mitmachen, aber nicht bis zum Ende fasten. Denn eigentlich sind Kinder, die noch nicht in der Pubertät sind, ebenso wie Schwangere und Kranke, ausgenommen vom Fasten.
Kinder eifern oft Fastenden nach
"Es ist nicht immer so, dass Eltern konservativ sind. Kinder wollen oft selbst fasten. Sie sehen das Zuhause oder bei Freunden", erzählt Özgür. Es sei verständlich, dass Schülerinnen und Schüler mitmachen und sich zugehörig fühlen möchten - vor allem, wenn jene Kinder eventuell gesellschaftlich ausgegrenzt werden, so der Lehrer weiter. Dass der muslimische Fastenmonat Gruppenzwang auslöse, konnte er zudem bisher nicht beobachten.
"Es gibt aber Kinder, die sich deshalb mehr mit ihrer eigenen, christlichen, Fastenzeit auseinandersetzen, weil sie das Fasten mitbekommen", berichtet er. Und zumindest innerhalb seiner Klassengemeinschaft habe Ausgrenzung keinen Platz: "Schüler, egal welcher Glaubensrichtung angehörig, respektieren einander."
Und genau um Respekt gehe es: "Die unterschiedlichen Glaubensrichtungen verfolgen im Prinzip dieselben Ziele", sagt Özgür. Deshalb gebe es in seinen Klassen beispielsweise einen Advent- wie auch Ramadankalender. "Wir leben in der Schule alles, was unsere Gesellschaft widerspiegelt. Das sind eben muslimische, jüdische und christliche Kinder. Sie sollen alle gesehen werden."
Fasten auch an jüdischen Schulen Thema
Gefastet wird außerdem nicht nur im Islam: "Der öffentliche Diskurs für christliches oder jüdisches Fasten ist oft aber ganz anders", sagt Özgür. Zum Beispiel wird an Hochfastentagen im Judentum, Jom Kippur und Tischa beAw, über 25 Stunden weder gegessen noch getrunken. Davon sind - ebenso wie im Ramadan - auch Schülerinnen und Schüler betroffen. Üblicherweise fasten Jugendliche nach ihrer Bat Mitzvah, schildert eine Lehrkraft einer jüdischen Schule in Wien dem KURIER. Schülerinnen und Schüler, die diese Fastentage praktizieren, würden dies auch mal stolz kundtun, sagt die Lehrkraft, die gerne anonym bleiben möchte.
Auch an dieser Schule könne man beim Fasten ein Zugehörigkeitsgefühl beobachten. Zum Mitmachen verpflichtet, um Teil der Klassengemeinschaft sein zu können, sei aber niemand. Unabhängig der Glaubensrichtung sieht die Lehrkraft einen Vorteil in der Diversität der Schülerinnen und Schüler: "Es ist für Kinder auch eine Bereicherung, mitzubekommen, was andere Kulturen und Religionen feiern."
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