Chronik | Wien
13.04.2012

Radflüsterer trifft auf Benzinbruder

Der grüne Planungssprecher Christoph Chorherr diskutiert mit Anton Mahdalik (FPÖ) über Konflikte im Straßenverkehr.

Das Rennen haben beide verloren. Chorherr kam mit dem Rad, Mahdalik mit dem Auto. Pünktlich waren sie beide nicht, im Interview nahmen sie dafür rasch Fahrt auf.

KURIER: 2011 starben in Österreich 42 Radler – zehn mehr als 2010. Zwei Drittel der Unfälle waren selbst verschuldet. Ministerin Doris Bures (SPÖ) will nun die Promillegrenze für Radler senken.
Anton Mahdalik: Das Senken der Promillegrenze ist aber nur eine reine Alibiaktion und reicht nicht aus. Dass es so schwere Unfälle gibt, liegt an den zahlreichen Radrowdys, die sich und auch andere gefährden.
Christoph Chorherr: Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe noch von keinem Radler gelesen, der einen Autofahrer überfahren hätte. Radler sind Opfer. Doch es ist gut, wenn nun die Promillegrenze herabgesetzt wird. Was für Autofahrer gilt, soll auch für Radler gelten.

Herr Mahdalik, Sie sind der lauteste Radkritiker Wiens. Haben Sie ein Rad?
Mahdalik: Ja, während die Ökos nur von einem Boboviertel ins andere fahren, bin ich auch viel mit dem Rad in der Lobau unterwegs. Ich sitze aber auch viel im Auto und möchte wegen den Grünen nicht darauf verzichten. Seit Grün mitregiert ist Verkehrspolitik sehr einseitig.

Herr Chorherr, Mahdalik nennt Sie Fahrradflüsterer und Raddiktator. Zählen für Grüne nur die Radfahrer?
Chorherr: Nein. Rot-Grün hat Öffi-Jahrestickets verbilligt und hat auch fünf neue Straßenbahnenlinien beschlossen. Wir Grüne haben ein großes Ziel: Weg von fossilen Energieträgern, den Autobestand reduzieren und ein Mehr an Lebensqualität.

Haben Sie selbst ein Auto?
Chorherr: Nein. Ich borge mir öfter eines aus. Aber nur weil ich mir gelegentlich ein Gulasch und ein Bier genehmige, kauf ich mir noch kein Wirtshaus. Dasselbe gilt fürs Auto. Ich betreibe Carsharing. Laut ÖAMTC spare ich so 500 Euro im Monat.

Herr Mahdalik, wollen Sie Ihr Auto nicht teilen?
Mahdalik: Nein. In Essling kann ich mich ohne Auto erschießen. Für Leute, die im Umland Wiens leben, ist das Auto wegen fehlender Infrastruktur einfach unverzichtbar .
Chorherr: In einem Punkt hat Mahdalik recht: In den Stadtrandbezirken muss die Nahversorgung ausgebaut werden. Je weiter der Weg zum Geschäft desto eher fährt der Wiener Auto.

Die Maßnahmen für den Radverkehr werden so heftig diskutiert wie das Rauch­verbot. Viele fürchten sich vor grünen Missionaren. Wieso?
Chorherr: Es geht um Neuverteilung von knappem Raum. Da entstehen Konflikte. Aber will heute noch jemand Autos auf der Kärntner Straße? Wir Grüne haben eine Vision: Jedes Kind soll ein Recht haben, sicher zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule zu gelangen. In weiterer Folge wird es – wenn auch nicht in dieser Legislaturperiode – so wie in Stockholm eine Citymaut geben müssen.
Mahdalik: Ich hab auch Visionen – „Freibier für alle" etwa. Doch Ziele müssen umsetzbar sein. Es ist auch absurd, eine Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht zu fordern. Wozu werden teure Radwege gebaut, wenn sie dann keiner nützen soll?
Chorherr: Die Aufhebung wird kommen. Durch die Zunahme der E-Bikes und der Radler werden Radwege zu eng.

In Paris dürfen Radler bei Rot über einige Kreuzungen. Ist das auch in Wien denkbar?
Mahdalik: Nein. Solche Projekte, wie auch das Radeln in Fußgängerzonen, sind gefährlich. Fußgänger und Radler passen nicht zusammen. Wir fordern eine Nummerntafel für Fahrräder.

Was spricht dagegen?
Chorherr: Das hat nirgends funktioniert. Der Verwaltungsaufwand ist enorm. Ja, auch unter Radlern gibt`s Rowdys, aber Autos sind lebensgefährlich. In den letzten 10 Jahren waren in 80 Prozent der Fälle Autos für Fuß­gängerunfälle verantwortlich. Mahdalik: Wenn der Radanteil steigt, werden auch Unfälle steigen. Zum Kennzeichen: Das ginge am Bezirksamt einfach und schnell. Wenn Radler mehr Geld fordern, müssen sie mehr Pflichten haben. Der Autofahrer ist nicht der Arsch der Nation.

Was ist wahrscheinlicher: Dass Mahdalik in 10 Jahren mit dem Rad ins Rathaus fährt oder Chorherr mit dem Geländewagen im Stau steht ?
Mahdalik: Da ich jetzt schon manchmal an Wochen­enden mit dem Rad in die Stadt fahre, halte ich ersteres für wahrscheinlicher.
Chorherr: Ich teile die Meinung des Kollegen – aber nur in dieser Frage.

 

 

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