Putzen als unreflektierte Alltagstechnik: Zeit für frischen Glanz

Das Wiener Performance-Duo „honey&bunny“ wirft einen kritischen Blick auf die ansonsten unreflektierte Alltagstechnik des Putzens, bei der nach wie vor ein verstaubtes Rollenbild gepflegt wird.
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Die Vögel zwitschern, die Sonne scheint, die Scheiben sind verschmiert, das schlechte Gewissen nagt. So weit, so bekannt. Alle Jahre wieder redet alles um diese Zeit vom Frühjahrsputz, doch kaum jemand beschäftigt sich mit dem, was hinter der Alltagstätigkeit des Putzens steht.

Das haben das Wiener Ehepaar Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter, auch bekannt als Performance-Duo „honey&bunny“, im beruflichen Kontext gemacht. Sie richten einen kritischen Blick auf die unreflektierte Kulturtechnik.

Das Zuhause sauber zu halten, ist in der Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit geworden – gegenteiliges Verhalten ist nur Kindern, Teenagern und Junggesellen erlaubt. Und nein, hier muss nicht gegendert werden. „Eine Singlefrau mit einer unaufgeräumten, schmutzigen Wohnung hat ihr Leben nicht im Griff, das darf nicht sein“, bringt es Martin Hablesreiter auf den Punkt. Es gibt tradierte Rollenbilder. Das Ergebnis ihrer Recherchen: Putzen im Privatbereich hat hierarchische, politische und kulturelle Dimensionen.

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MA48: Das Duo zeigt auf, ohne wen es in der Stadt kaum geht.

„Sauberkeit wird vorausgesetzt, geputzt wird aber im Verborgenen“, betont Stummerer. „Wer putzt, ist praktisch unsichtbar“, pflichtet Hablesreiter bei. Diese Arbeit gelte als wertlos, sie werde weder gesellschaftlich anerkannt noch monetär entsprechend abgegolten. Er identifiziert hier ein gesellschaftspolitisches Problem und verdeutlicht es mit einem Beispiel aus dem Krankenhausbetrieb. Der Chirurg sei der Gott in Weiß, der Leben rettet. Die Putzfrau hingegen werde kaum wahrgenommen, noch seltener gegrüßt – „und das, obwohl ein Krankenhaus zur Todesfalle würde, wenn sie nicht da wäre.“ Zum Saubermachen gehöre viel Wissen dazu und es sei auch körperlich herausfordernd – wenn man das in der Gesellschaft anerkennen würde, wäre es keine „Frauenarbeit“ mehr, ist Stummerer überzeugt.

Definitionsfrage

Eine andere Sache, die ebenfalls von der Gesellschaft abhängt, ist die Definition davon, was eigentlich als schmutzig gilt. Das Paar hat einige Zeit in Japan gelebt und meint, dass dort ein höheres Niveau an Sauberkeit herrscht. „Sie haben ein anderes Schmutzempfinden als wir – sie grausen sich ein bissl vor uns“, sagt Hablesreiter. Ein anderes Beispiel sei Amerika: Keimfreiheit sei dort stärker ausgeprägt. „Amerikanerinnen und Amerikaner fühlen sich bei uns in einem Hotel mit 150 Jahre alten Möbeln nicht wohl.“

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Das neue Buch des Duos: „Putzen. Eine Kulturtechnik“.

Was Staub ist, ist hingegen überall relativ klar: Der Hauptbestandteil sei Textilfaser, gemischt mit dem, was beim Fenster in Form von Pollen und Minisamen hereinkommt, dazu Haare sowie Haut, erklärt Stummerer. Jeder Körper scheidet Sekrete aus – jeder produziert damit Dreck. „Doch das ist mit Scham behaftet – niemand will schmutzig sein, daher wird auch nicht übers Putzen gesprochen“, schlussfolgern „honey&bunny“. Daraus habe auch die Wirtschaft Kapital schlagen können. Wurde bei Oma noch mit Zitronensäure, Soda und Seife geputzt, brauche es heute 15 Putzmittel im knalligen Design im Schrank. „Wenn wir drinnen putzen, verschmutzen wir gleichzeitig die Umwelt“, sagt das Künstler-Duo, das in ihrem Buch „Putzen – eine Kulturtechnik“ auch ein Kapitel der Umwelt und Gesundheit widmet.

Fortschritt

Hinsichtlich aufbrechender Rollenbilder sieht der Mann die Zukunft pessimistisch: „Wenn ich mir die Tradwives (Anm.: Social-Media-Trend, bei dem Frauen bewusst extrem konservative Geschlechterrollen leben) und die rechtsradikalen Männerbewegungen anschaue, dann glaube ich eher, dass wir Rückschritte machen.“

Die Frau dagegen meint: „Einst war Kochen auch nicht repräsentiert, es war eine weibliche Servicearbeit für die Familie hinter verschlossenen Türen. Es gibt Hoffnung – es gibt nicht wenige Männer, die gerne putzen, aber sie reden nicht darüber“. Ein wichtiger Hebel wäre die Kindererziehung. „Ich stelle schon fest, dass es anerzogene Rollen sind. Man muss nur einmal in ein Spielzeuggeschäft gehen oder sich Kinderbücher ansehen.“ Auch wenn mehr Putzgerätschaften, wie Waffen aussehen würden, würden sich Männer eher dafür begeistern, meint Hablesreiter. Das sehe man bei den „Spritzpistolen für Männer“ von Kärcher oder auch den Staubsaugern von Dyson. „Sie haben einen anderen Sound, die klingen wie Akkuschrauber“, sagt er.

Zum Thema Frühjahrsputz sagen beide: „Das Recherchieren rund ums Putzen ist viel lustiger, als es zu tun.“

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