Chronik | Wien
20.02.2018

Prozess um chinesische Menschenhändler gestartet

Neun Angeklagte. Sie sollen 77 junge Frauen nach Österreich gelockt und ausgebeutet haben. "Keine Sex-Sklavinnen".

Im Wiener Landesgericht wurde am Dienstag ein auf mehrere Wochen anberaumter Prozess gegen mutmaßliche Mitglieder einer chinesischen Menschenhändler-Bande eröffnet worden. Die neun Angeklagten (Verteidigung Wolfgang Blaschitz, Karl Bernhauser) sollen einer Mafia-Vereinigung angehört haben, die laut Anklage von Herbst 2011 bis 2016 insgesamt 77 junge Chinesinnen nach Österreich lockte. Ihnen sollen Jobs als Babysitterinnen zugesichert worden sein. In Wahrheit habe man sie zur Prostitution gezwungen und ausgebeutet.

Ein Angeklagter spielte Anwalt und "half" bei Amtswegen, eine Angeklagte fungierte als (extra entlohnte) Dolmetscherin. Als Hauptangeklagter gilt ein 40-jähriger Chinese, der in Wien offiziell als Koch angemeldet war, in Wahrheit aber mehrere einschlägige Sex-Studios leitete. Anwalt Bernhauser wies zurück, dass es zu Gewalt, Ausbeutung und dem Ausnützen von Zwangslagen gekommen sei. Die Frauen hätten genau gewusst, auf was sie sich einließen: "Die sind als Touristinnen gekommen und haben dann unter falschen Namen um Asyl angesucht. Indem sie erzählt haben, sie hätten in China Elfenbein-Knöpfe verkauft, ihren Mann verlassen oder ihr Haus bei einem Erdbeben verloren. Drei Monate später haben sie legal als Prostituierte gearbeitet."

Schminke

In den Studios hätten die Frauen die Hälfte ihres Verdiensts behalten dürfen. 50 Prozent kassierte der Betreiber, "aber der hat auch alles, was zum Sexualverkehr nötig war, zur Verfügung gestellt. Präservative, Schminke, weiß der Teufel was", betonte Bernhauser. Bis zu 8000 Euro monatlich hätten die Prostituierten verdient. Eine hätte gar 100.000 Euro in die Heimat überwiesen: "Die sind nicht ausgebeutet worden. Die haben hier eine absolute Freizügigkeit genossen."

Ihre Arbeitsplätze hätten sich die angeblichen Opfer teilweise sogar über Annoncen im Internet ausgesucht. "Es kann keine Rede davon sein, dass sie wie Sex-Sklavinnen gehalten wurden", meinte Bernhauser und verwies darauf, dass es allein in Wien immer noch 30 Studios gibt, in denen asiatische Damen angeboten würden.

Und das, obwohl der Hauptangeklagte seit Monaten in U-Haft sitzt.