© Michaela Reibenwein

Chronik Wien
07/01/2020

Prozess nach Kopfschuss in Döbling: "Unfassbares ist geschehen"

Alois H. hat im November ohne ersichtlichen Grund einen Nachbarn erschossen. Er ist nicht schuldfähig und wurde in eine Anstalt eingewiesen.

von Konstantin Auer

Am 4. November 2019 schoss Alois H. ohne ersichtlichen Grund dem Hobbyfotografen Andreas U., Vater eines 13-jährigen Sohnes, in den Kopf. Und das just an dem Tag, an dem das Opfer eigentlich nur seinen Geburtstag auf einer Bank im Innenhof der Wohnanlage in Neustift am Walde feiern wollte. 

Als "Mordangeklagter" wurde der 46-Jährige beim Prozess am Wiener Landesgericht für Strafsachen am Mittwoch dennoch nicht geführt. Ein Gutachten der Psychiaterin Gabriele Wörgötter hatte ergeben, dass der Mann an einer "wahnhaften Störung" - vielleicht sogar an Schizophrenie - leiden würde. Im Prozess mussten die Geschworenen unter Richterin Claudia Zöllner also entscheiden, ob der "Betroffene" die Tat begangen hat, ob er unzurechnungsfähig ist und ob die Gefahr bestehe, dass er eine solche Tat nochmal begehen könnte.

PROZESS "43-JÄHRIGEN AUF PARKBANK IN GEMEINDEBAU IN WIEN-DÖBLING MIT KOPFSCHUSS GETÖTET"

Die Staatsanwaltschaft beantragte jedenfalls die unbefristete Einweisung in eine "Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher". Die Geschworenen folgten dem Antrag.

Bei Einvernahmen der Polizei habe der Mann angegeben, er sei "Staatspolizist" und dürfe deshalb töten. Frauen im Bus hätten ihm Videos gezeigt, auf denen sich das Opfer schlecht benommen hätte und auch der russische Präsident Wladimir Putin habe ihm nahegelegt, Andreas U. "rasch" zu töten. Außerdem würde er 140 Millionen Euro besitzen und habe schon über 450 Menschen getötet. Das alles dürfte sich wohl aber nur im Kopf von Alois H. abgespielt haben. 

Zeugin saß bei Schuss gegenüber des Opfers

"Unfassbares ist geschehen" leitete die Staatsanwältin ihr Eröffnungsplädoyer ein. Dann schilderte sie noch einmal ganz genau den Hergang der mutmaßlichen Tat. Die Schilderungen dürften großteils auf den Aussagen der als Zeugin geladenen Italina B. beruhen, die beim Schuss gegenüber des Opfers gesessen war. 

Alois H. ist an jenem Tag im November einfach auf das spätere Opfer und die Zeugin zugekommen, hat noch freundlich gegrüßt, das Opfer angestarrt und plötzlich eine Pistole des Modells Glock 17 gezogen. Vor dem tödlichen Schuss soll er noch gesagt haben: "Halte still, ist ja gleich vorbei". 

Keine Erinnerung

Danach ist er zur Wiener Staatsoper gefahren, um dort seine Frau von der Arbeit abzuholen. Sie fuhren die ganze Nacht spazieren. Erst als sie gegen 4 Uhr Früh bei der gemeinsamen Wohnung angekommen waren und diese von der Polizei bereits aufgebrochen und versiegelt war, dämmerte der Ehefrau, dass etwa passiert sein musste. Sie fuhren gemeinsam zur Polizei. Alois H. stellte sich und wurde von WEGA-Beamten festgenommen.

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An das Geschehene will sich der "Betroffene" auch nach mehrmaligem Nachfragen der Richterin nicht erinnern können. Und auch von seiner "paranoiden Schizophrenie" will Alois H. erst aus den Akten erfahren haben. 

"Er ist der beste Mann"

Von der Krankheit habe auch seine Ehefrau nicht viel mitbekommen, wie sie beim Prozess schilderte: "Er ist der beste Mann, den man sich vorstellen kann", wiederholte sie mehrmals. Nach einem schlimmen Arbeitsunfall 2015 und dem Verlust von zwei Kindern während ihrer Schwangerschaft, habe er sich aber doch verändert. Er sei schweigsam geworden und habe Auto und Wohnung öfter nach angeblichen Abhörgeräten durchsucht. 

Sie selbst habe sich nach diesen Schicksalsschlägen in psychologische Behandlung begeben, ihr Mann habe das aber immer abgelehnt. 

Die Anwältin des "Betroffenen", Astrid Wagner, zeigte sich beim Prozess aber "positiv gestimmt": Die psychiatrische Behandlung in der Justizanstalt Göllersdorf soll bereits erste Früchte tragen. Ihrem Mandanten sei klar, dass er "im Wahn" gehandelt habe und er habe "immer wieder lichte Momente". Die Seele sei eben ein weites Land, sagte die Anwältin frei nach Arthur Schnitzler.

Die Geschworenen stimmten der Staatsanwalt am Mittwochnachmittag einstimmig zu - Alois H. kommt auf unbefristete Zeit in den Maßnahmenvollzug. Auch Astrid Wagner war einverstanden - die Entscheidung ist damit rechtskräftig.

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