Plötzlich im Mittelpunkt des Interesses: Der Ballhausplatz

THEMENBILD: BUNDESKANZLERAMT - PRÄSIDENTSCHAFTSKAN
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH Ganz links: das Kanzleramt, ganz rechts: die Präsidentschaftskanzlei.  Im Gebäude im Hintergrund links sind Büros des Innenministeriums untergebracht, im Amalientrakt in der Mitte Büros des Bundeskanzleramtes

Einer der schönsten und geschichtsträchtigsten Plätze Wiens.

Er ist – und darin sind sich alle einig – einer der schönsten Plätze Wiens. Die Verschandelung des einzigartigen Barockensembles durch eine Mauer wäre einer Verunstaltung Wiens gleichgekommen. Dass diese in letzter Minute verhindert wurde, bedeutet, dass zwei der geschichtsträchtigsten Paläste dieser Stadt gerettet sind: das heutige Bundeskanzleramt, in dem der Fürst Metternich residierte, und die Präsidentschaftskanzlei, in deren Räumen Maria Theresia lebte und starb.

Aktuell: Das Protokoll der Mauer-Posse

Palais Metternich

Die Präsidentschaftskanzlei mit der Adresse Ballhausplatz Nr. 1 ist Teil der Hofburg, das Kanzleramt auf Nr. 2 hingegen ein eigenständiges Gebäude, das einst Palais Metternich genannt wurde. Die Amtsräume des Bundespräsidenten ließ Kaiser Leopold I. ab 1660 errichten – weshalb dieser Teil der Hofburg heute noch Leopoldinischer Trakt heißt. Der Kaiser konnte sich seiner neuen Residenz nicht lange erfreuen, da sie schon zwei Jahre nach ihrer Fertigstellung bis auf die Grundmauern abbrannte. Seine Enkelin Maria Theresia bezog nach ihrer Thronbesteigung das inzwischen wieder aufgebaute Gebäude, das mit ihr zum Symbol der Macht des Hauses Habsburg wurde.

… Foto: Kurier/Juerg Christandl

Der Wiener Kongress

Das gegenüberliegende Kanzleramt wurde vor genau 300 Jahren vom Architekten Johann Lukas von Hildebrandt gebaut. Hier regierten Maria Theresias wichtigster Berater, Fürst Kaunitz, und danach der mächtige Staatskanzler Metternich, in dessen Regierungsperiode der Ballhausplatz als "Geheime Staatskanzlei" seine Blütezeit erlebte, vor allem durch den "Wiener Kongress", an dem Staatsmänner und Diplomaten aus 200 Staaten und Regionen teilnahmen.Der Ballhausplatz erhielt seinen Namen erstmals im Jahr 1786, weil damals zwischen Hofburg und Staatskanzlei ein "Ballhaus" stand, in dem aber nicht getanzt, sondern Federball gespielt wurde. Der Platz wurde mehrmals umbenannt – 1848 kurzfristig zum Revolutionsplatz – ehe er 1906 definitiv zum Ballhausplatz wurde.In der Monarchie war der Ballhausplatz 2 vor allem Sitz des k. k. Außenministeriums. Im vis-à-vis gelegenen Leopoldinischen Trakt, der heutigen Präsidentschaftskanzlei, hatte Kaiser Franz Joseph die Wohnräumlichkeiten seiner Eltern eingerichtet.

Der Dollfuß-Mord

Seit 1923 ist die Adresse Ballhausplatz 2 der Sitz des Bundeskanzlers. So absurd eine im Jahr 2017 geplante Mauer wäre, hätte sie vor 83 Jahren möglicherweise das Leben des damaligen Regierungschefs Dollfuß gerettet. Wir schreiben den 25. Juli 1934, als um 12.50 Uhr rund 150 illegale Nationalsozialisten, die sich als Soldaten des österreichischen Bundesheeres verkleidet haben, ungehindert mit Lastautos in den Hof des Bundeskanzleramtes fahren. Das große Tor des Regierungssitzes ist weit geöffnet, weil in diesen Minuten die Wachablöse des Personenschutzes stattfinden soll. Die Putschisten können ungehindert passieren, einige stürmen in den ersten Stock, wo sie Engelbert Dollfuß im Marmorecksalon antreffen und erschießen.

Während das Bundeskanzleramt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs weitgehend zerstört wurde, blieb die Präsidentschaftskanzlei als eines der wenigen Palais der Wiener Innenstadt von Bombenschäden verschont. Auch die österreichischen Bundespräsidenten hatten bis 1938 im Palais Metternich, dem Kanzleramt, residiert. Als aber Karl Renner als erstes Staatsoberhaupt der Zweiten Republik angelobt wurde, wollte er bewusst eine räumliche Trennung zur Regierung schaffen und entschied sich für den Leopoldinischen Trakt mit der Adresse Ballhausplatz 1.

Sisis Wohnräume

Auf Nr. 2 regierten nach dem Krieg die legendären Kanzler Leopold Figl und Julius Raab. Direkt neben der Präsidentschaftskanzlei steht der 1581 fertiggestellte Amalientrakt der Hofburg, den einst Kaiserin Sisi bewohnte. Heute sind hier das Büro von Altbundespräsident Fischer, die Hilfsaktion "Künstler helfen Künstlern" und mehrere Abteilungen des Bundeskanzleramtes untergebracht. In einem etwas abseits gelegenen schmucklosen Neubau im Hintergrund befinden sich Büros des Innenministeriums.Die Amtssitze des Staatsoberhaupts und des Regierungschefs sind durch einen unterirdischen Gang verbunden, von dessen Existenz die Bevölkerung erst im Februar 2000 erfuhr, als Bundeskanzler Wolfgang Schüssel mit seiner Regierung auf diesem Weg zur Angelobung zu Bundespräsident Klestil schritt, weil oben auf dem Ballhauslatz viele Menschen gegen "Schwarz-Blau" demonstrierten. Noch mehr Menschen hatten sich im Jahr 1972 auf dem Ballhausplatz versammelt, als Karl Schranz am Balkon des Kanzleramtes (siehe Bild unten) stand und von Tausenden Wienern bejubelt wurde, nachdem er durch IOC-Präsident Avery Brundage von den Olympischen Winterspielen in Sapporo ausgeschlossen worden war.

Karl Schranz auf dem Balkon des Bundeskanzleramts Foto: ORF/Fritz Klein

Im Kreisky-Zimmer

Ich selbst lernte den Ballhausplatz einige Jahre später kennen, als ich gerade 29 Jahre alt war. Zu verdanken habe ich diese frühe Begegnung Bruno Kreisky, der nicht zu Unrecht "Journalistenkanzler" genannt wurde und unsereins jederzeit problemlos in seinen Amtsräumen empfing. Ich erinnere mich, wie er einmal in seinem holzgetäfelten Büro über seine ambivalente Haltung gegenüber dem Fürsten Metternich plauderte, den er ob seines diplomatischen Geschicks bewunderte, dessen polizeistaatlichen Methoden er jedoch missbilligte.

Lösung ohne Mauer

Eine Mauer um "sein" Kanzleramt hätte Kreisky wohl abgelehnt. Auch wenn sich die Sicherheitsproblematik seit damals stark verändert hat, wird es auch für den Ballhausplatz eine Lösung ohne Mauer geben, die ein ganzes Stadtviertel verschandelt hätte.

(kurier) Erstellt am
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