Chronik | Wien 19.01.2012

Pjöngjang: Ein Österreicher gab den Takt vor

Er ist einer der wenigen Österreicher, die Nordkorea besuchten: Frei bewegen durfte sich Dirigent Wolfdieter Maurer aber nicht.

Nach ein paar gemeinsamen Gläsern Wodka am Abschlussabend ließ sich selbst der strenge einheimische Aufpasser zu einer leicht sarkastischen Bemerkung hinreißen: „Was könnt ihr hier schon erreichen? Wir sind ja ein Schurkenstaat.“ „Abgesehen von dieser Anspielung auf George Bush war Politik während unseres Besuchs kaum ein Thema“, erinnert sich Wolfdieter Maurer. Der 70-jährige Dirigent aus Oberösterreich leitete vergangenen April die Nationalen Symphoniker Nordkoreas beim traditionellen Frühlingsfest in der Hauptstadt Pjöngjang. Gute Kontakte seines Managers Rudolf Buchmann zu diplomatischen Kreisen machten die Reise möglich. Derzeit wird über einen nächsten Auftritt heimischer Künstler im kommenden Frühling verhandelt.

Hymne der Revolution

Das Fest findet jedes Jahr rund um den Geburtstag des 1994 verstorbenen Staatsgründers Kim Il-Sung statt. Ihm ist auch die „Unsterbliche Hymne der Revolution“ gewidmet, die Maurer mit dem Orchester vor rund 1500 Zuhörern aufführte. „Er führte die Arbeiter in die Freiheit hinein, leuchtend wie der Frühsonnenstrahl wärmt uns alle sein Schein“, heißt es darin im landesüblichen Pathos. „Kim Il-Sung wird immer noch wie ein Gott verehrt“, sagt Maurer. Vom Regime politisch vereinnahmt fühlt sich der Dirigent nicht: „Wenn man den Menschen dort näherkommen will, wenn man einen Beitrag zur Öffnung des Landes leisten will, muss man bei gewissen Dingen mitmachen. Das heißt ja nicht, dass man mit der Politik einverstanden ist.“

Begleiter

Den Menschen näherzukommen war aber auch für Maurer nicht gerade einfach. Dafür sorgten schon die drei offiziellen Begleiter, die ihn und seine Mitreisenden abseits der Proben durch die Stadt eskortierten. Hin und wieder ein freundliches Lächeln blieb der einzige Kontakt zu den Menschen in den fast autofreien Straßen der Vier-Millionen-Stadt. Leichter war dies bei der Arbeit mit dem Orchester. „Überrascht hat mich die Qualität der Musiker. Überhaupt scheint klassische Musik in Nordkorea sehr stark gefördert zu werden.“ Für Spontanität blieb hingegen wenig Platz. Als das ebenfalls mitgereiste Vienna Wind Ensemble am Ende seines Auftritts kurzerhand noch ein Stück spielte, reagierten die Offiziellen überaus nervös: Eine Zugabe war im Protokoll nicht vorgesehen. Über die Zukunft Nordkoreas unter dem neuen „obersten Führer“ Kim Jong-Un wagt Maurer keine Prognose abzugeben. „Ich kann nur hoffen, dass es mit ihm zu einer Öffnung des Landes kommt.“

( Kurier ) Erstellt am 19.01.2012