© juerg christandl

Otto-Wagner-Spital
02/10/2014

Der Auszug aus dem Paradies

Die erste Abteilung siedelt bis Ende des Jahres ab. Für viele ein Abschied mit Wehmut.

von Elias Natmessnig, Jürg Christandl

Der junge Mann im ausgewaschenen T-Shirt und Trainingshose schaut auf den Boden. Barfuß schlurft er über den gelben Fliesenboden und verschwindet in einem Zimmer. Von den Besuchern nimmt er keine Notiz. Die junge Pflegerin umso mehr. Sie hat die große Kamera gesehen, jetzt baut sie sich drohend vor uns auf. Denn die Privatsphäre der Patienten ist hier das Wichtigste.

Sechs psychiatrische Abteilungen – gegliedert nach Bezirken – hat das Otto-Wagner-Spital. Der Pavillon 24 gehört zur fünften Abteilung. In ihr sind Patienten aus dem dritten und elften Wiener Bezirk untergebracht. Doch nicht mehr lange. Noch in diesem Jahr soll die gesamte Station in die Juchgasse in den dritten Bezirk übersiedeln. Die fünfte Abteilung ist damit die Erste von insgesamt sechs Abteilungen, die im Zuge der Spitalsreform das Otto-Wagner-Spital verlässt. Für viele ist es ein Abschied mit Wehmut.

Kuchen und Tee

Im Speisesaal ist das Mittagessen schon lange vorbei, eine Patientin sitzt mit einer Pflegerin bei Kuchen und Tee, auf der großen Terrasse steckt sich ein junger Mann eine Zigarette an. Die Sonne scheint und kurz wirkt es, als ob das Spital eine Ferien-Anlage für Sommerfrischegäste wäre.

Doch die Patienten, die hier sind, leiden unter schweren Krankheiten. Ein Viertel von ihnen ist schizophren, ein Viertel leidet an Depressionen oder einer Angststörung. 25 Prozent haben eine Abhängigkeitserkrankung, der Rest hat Belastungsstörungen oder eine Persönlichkeitsstörung. „Im Schnitt bleiben unsere Patienten zehn Tage hier“, sagt Abteilungsvorstand Margit Wrobel.

Sie muss neben der Leitung der Abteilung nun auch den Umzug managen. Für Wrobel überwiegen die Vorteile: „Unsere Abteilung ist auf die Pavillons 20 und 24 aufgeteilt, auf drei Stationen verteilt gibt es 60 Betten. Die Ärzte müssen im Nachtdienst ständig zwischen den Pavillons wechseln – bei jedem Wetter.“ Auch die Logistik ist weit aufwendiger als in einem modernen Spital. Essen, Wäsche und Medikamente müssen immer extra angeliefert werden.

Die denkmalgeschützten Pavillons selbst entsprechen nicht mehr den medizinischen Standards. Noch immer gibt es Vier-Bett-Zimmer, für die Körperpflege ein Gemeinschaftsbad pro Gang. „In der Juchgasse wird es dagegen nur noch ein bis zwei Betten pro Zimmer inklusive einem eigenen Sanitärbereich geben“, sagt Wrobel.

Das Heizungssystem ist total veraltet und lässt sich nicht regulieren. In einem Therapieraum ist es so heiß, dass es kaum möglich ist, dort körperliche Übungen abzuhalten. Dennoch haben viele das alte Gemäuer liebgewonnen. „Es ist für uns alle eine neue Herausforderung“, sagt Therapeutin Juliane Kund. Einerseits bekommt sie in der Juchgasse mehr Platz für ihre Arbeit. „Doch die Natur gibt es dort nicht“, sagt sie und zeigt aus dem Fenster auf den Park.

Wie die Patienten die Umstellung verkraften, ist nicht abzusehen. Denn auf dem Steinhof-Areal konnten sie sich frei bewegen. „Alle Türen sind offen, wenn ein Patient gehen will, so muss er sich nur abmelden“, sagt Wrobel. In der Juchgasse gibt es diese Freiräume nicht mehr. Zwar wird das Dach als eine große Terrasse ausgebaut.

Ohne Aufsicht kann man diese aber nicht besuchen.

Ein Areal mit ungewisser Zukunft

Die Absiedelung des Otto-Wagner-Spitals ist eines der größten Projekte Wiens in den nächsten Jahren. Sechs psychiatrische Abteilungen werden dabei auf Krankenhäuser in der ganzen Stadt aufgeteilt. „Grundgedanke ist dabei die möglichst wohnortnahe Betreuung und Behandlung von psychisch Kranken“, erklärt eine Sprecherin des Krankenanstaltenverbund (KAV). Ziel sei es, die psychiatrischen Regionalabteilungen in den klinischen Alltag aller Wiener Schwerpunktkrankenhäuser zu integrieren – so wie schon jetzt im Donauspital, im Kaiser-Franz-Josef-Spital und im AKH Wien. Die 5. Psychiatrische Abteilung aus dem Otto-Wagner-Spital übersiedelt bis Ende 2014 in die Juchgasse nahe der Rudolfstiftung. In einem nächsten Schritt übersiedelt die 4. Abteilung 2016 in das Krankenhaus Nord. Ebenfalls dorthin verlegt werden die Thoraxchirurgie des Otto-Wagner-Spitals und Teile der 1. Pulmologie. Weitere Übersiedlungen sind derzeit in Planung.

Wie es mit dem Otto-Wagner-Areal weitergeht, ist derzeit offen. Bürgermeister Michael Häupl (SP) favorisierte zuletzt eine universitäre Verwendung des Areals. Im Ostteil werden zusätzlich 200 neue Wohnungen errichtet. Das Areal soll aber weiter für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

Ein Spital mit einer dunklen Vergangenheit

Das Otto-Wagner-Spital wurde von 1904 bis 1907 als Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke errichtet. Sie war damals eine der modernsten Anstalten in Europa. Federführend in der Planung war Otto Wagner, führender Wiener Architekten der Zeit. Er plante auch die Anstaltskirche, die eines der Hauptwerke des Wiener Jugendstils ist.

Nach dem 1. Weltkrieg wurde das im Westen gelegene Sanatorium geschlossen und in eine Lungenanstalt umgewandelt, die in den 1960er-Jahren als Pulmologisches Zentrum wichtige Entwicklungen leistete. Das Gleiche gilt für die Orthopädische Abteilung.

Tiefpunkt des Spitals war die systematische Ermordung von psychisch Kranken und geistig Behinderten unter der NS-Herrschaft. Heute erinnern 772 Licht-Stelen vor dem Jugendstiltheater an die Opfer der Euthanasie-Anstalt „Am Spiegelgrund“, die dort ermordet wurden.

In den 1980er wurden ein Sozialpädagogisches Zentrum für geistig behinderte Kinder und Jugendliche und ein Pflegeheim errichtet. 2002 übersiedelte das Neurologische Krankenhaus Maria- Theresien-Schlössl in drei dafür generalsanierte Pavillons.

Bis 2020 soll das gesamte Spital absiedeln.

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