Serbische und albanische Fußballfans verursachten auf der Ottakringer Straße vor zwei Wochen einen Polizeigroßeinsatz. Im Alltag sei von Rivalitäten aber nichts zu bemerken, erzählen Anrainer unisono.

© APA/HELENA MANHARTSBERGER

Wien
11/03/2014

Ottakring: "Die Straße ist besser als ihr Ruf"

Randale brachten die Ottakringer Straße in Verruf. Ein Lokalaugenschein auf der berüchtigten Balkanmeile.

von Bernhard Ichner

Der Abbruch des EM-Qualifikationsspiels zwischen Serbien und Albanien in Belgrad, führte vor zwei Wochen in Wien zum größten spontanen Polizeieinsatz des Jahres. 250 Uniformierte waren zur im Einsatz, um albanische und serbische Randalierer auf der Ottakringer Straße voneinander fernzuhalten. Am Ende hagelte es 30 Anzeigen wegen Sachbeschädigung. Wasser auf die Mühlen derer, die die "Balkanmeile" zu den gefährlichsten Straßen Wiens zählen.

Doch wie aufgeheizt ist die Stimmung in der Ottakringer Straße wirklich? Der KURIER fragte Anrainer und Unternehmer – zugezogene, wie alteingesessene. Die überwiegende Mehrheit meint: "Die Straße ist besser, als ihr Ruf."

Anziehungspunkt

Leer stehende Geschäftsflächen gibt es zwar wenige, dafür ist der Branchenmix überschaubar. Ein Rundblick an einer beliebigen Straßenecke zeigt vier Wettlokale, ein Fitnessstudio, zwei Sportartikelhändler, einen Balkan-Grill, eine Lammkebab- und zwei Pizzabuden. Und alle paar Meter ein Lokal: Cafés, Bars, Restaurants – die meisten in serbischer, einige wenige in albanischer Hand.

Die Bezeichnung Balkanmeile kommt nicht von ungefähr: "Die Ottakringer Straße ist für Menschen aus Ex-Jugoslawien ein wichtiger Ort. Vor allem für die zweite und dritte Generation", erklärt Amila Sirbegovic von der Gebietsbetreuung Stadterneuerung (GB*). Vor allem an Freitagen und Samstagen kämen junge Leute mit entsprechendem Migrationshintergrund extra aus ganz Wien und aus NÖ her. Aufgeladen sei die Stimmung aber nicht. Randale wären die unrühmliche Ausnahme.

Das bestätigt man auch bei der Exekutive. "Reibereien zwischen den Volksgruppen kommen vor – aber selten", sagt ein Polizeisprecher. Und wenn, dann seien übermütige Jugendliche oder alkoholisierte Erwachsene beteiligt.

Nicht ganz so entspannt beurteilt man die Lage bei der FPÖ. "Statistisch hat man auf der Ottakringer Straße die größte Chance, Mordopfer zu werden", sagt Bezirkspartei-Obfrau Dagmar Belakowitsch-Jenewein. "Das Problem ist, dass der Balkankrieg hier noch andauert. Vor allem nach Fußballmatches."

Im Alltag, relativiert sie, sei das Grätzel aber nicht gefährlicher als jedes andere. Die FPÖ-Klientel sei weniger beunruhigt, sondern eher genervt – etwa von den vielen Schanigärten, die im Sommer bis spät abends die Geräuschkulisse prägen.

Schlechtes Image

Wenn sich Einzelne – vor allem ältere Personen – in der multiethnischen Umgebung unsicher fühlen, sei das dem Ruf der Straße, aber sicher nicht einschlägigen Erlebnissen geschuldet, meint die stellvertretende Bezirksvorsteherin Eva Weißmann (SP). "Die Medien berichten immer von Einbrüchen oder Gewaltdelikten." Da habe mancher von vorn herein ein mulmiges Gefühl.

Um den Menschen diese Angst zu nehmen und Vorurteile abzubauen, griff man seitens der Gebietsbetreuung zu unkonventionellen Mitteln: "2009, ’10 und ’11 haben wir ,Reisebüros’ in der Ottakringer Straße installiert", schildert Sirbegovic. Von dort aus wurden geführte Touren in "gefürchtete" Lokale organisiert. Wer einmal mit eigenen Augen sah, was sich hinter verspiegelten Fensterscheiben abspielte, legte die Scheu ab.

Anrainerin Ingetraud Scheffel fürchtet sich jedenfalls nicht, wenn sie allein unterwegs ist. "Zumindest nicht mehr als zum Beispiel am Schafberg", betont die 70-Jährige. Über Konflikte mit bzw. unter den einzelnen ethnischen Gruppen kann sie nichts berichten.

Multiethnisch

"Im Alltag bemerkt man keine Aggressionen", meint auch Radovan Tomas (46). Der bosnische Serbe betreibt den Fußballartikel-Handel "Rado Sport". "Im Gegenteil", meint er, "wenn die Leute in der Früh wach werden, ist 99 Prozent von ihnen klar, wie gut sie es in Österreich haben."

Rasin Mavraj hat dagegen sehr wohl schon negative Erfahrungen gemacht. Als Österreich 2007 die Eigenständigkeit des Kosovo anerkannte, verwüsteten serbische Demonstranten sein albanisches Café Alba. "Da war aber niemand aus der Nachbarschaft dabei", ist sich der 35-Jährige sicher. Er meint, dass Krawalle, wie auch der vor zwei Wochen, "von außen gesteuert" werden. Seine Gäste, behauptet der Wirt, hätten sich an den Provokationen nicht beteiligt.

In seinem Lokal, versichert der Kosovo-Albaner, sei jeder willkommen – unabhängig von der Nationalität.

In dieselbe Kerbe schlagen Dusan Stojanovic und seine Tochter Vesna Savic (23), die ein Stück weiter stadtauswärts das serbische Café Laby führen. Genau wie vor dem "Alba" gingen auch hier vor zwei Wochen die Wogen hoch.

Zwar sei man ein "Balkan-Lokal", aber genau wie die Mitarbeiter kämen auch die Gäste "von überall her". Aggressionen zwischen den Ethnien gebe es im Alltag nicht, berichten Vater und Tochter. Hätte er die Möglichkeit, noch einmal von vorn zu beginnen, würde der Seniorchef sein Lokal trotzdem nicht auf der Ottakringer Straße eröffnen – sondern im ersten Bezirk oder auf der Mariahilfer Straße. "Wegen der höheren Frequenz. Und weil dort die Gäste in ein Lokal gehen, ohne sich Gedanken über die Nationalität des Besitzers zu machen."

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