Obdachlosigkeit in Wien: Verborgene Not wird sichtbarer
In der Straßenbahnstation sitzt ein Mann mit Sackerln voller Habseligkeiten, wenige Straßen weiter schläft eine Frau auf einer Bank. In Einkaufsstraßen, Parks oder vor Bahnhöfen begegnen einem obdachlosen Menschen derzeit häufiger – zumindest scheint es so.
Der Eindruck, dass Obdachlosigkeit in Wien zunimmt, lässt sich nicht so einfach mit Zahlen belegen. Wer zum Beispiel nur wenige Tage obdachlos sei, könne statistisch kaum erfasst werden, sagt Markus Hollendohner, Leiter der Strategie Obdach- und Wohnungslosenhilfe im Fonds Soziales Wien (FSW). Deshalb seien auch die Beobachtungen der Straßensozialarbeit entscheidend. Hollendohner spricht hier aus Erfahrungen des FSW: „Meine Einschätzung ist, dass die Situation teilweise sichtbarer ist.“
Sichtbarkeit schützt
Die offiziellen Zahlen zeigen aber auch eine faktische Zunahme. Laut Statistik Austria stieg die Zahl der registrierten obdach- und wohnungslosen Menschen österreichweit von 2023 auf 2024 um 2,4 Prozent, in Wien um rund einen Prozent. Grund für die zunehmende Wahrnehmung, sind aber nicht nur steigende Zahlen. Denn Sichtbarkeit schütze, laut Hollendohner.
Seit den tödlichen Angriffen auf obdachlose Menschen im Jahr 2023 würden manche bewusst belebtere Plätze aufsuchen. „Je unsichtbarer Menschen leben, desto leichter kann Gewalt ausgeübt werden“ , erklärt Christoph Reinprecht, Professor für Soziologie an der Universität Wien. Wachsende Feindseligkeit gegenüber obdachlosen Personen sei auch Folge einer allgemeinen Verunsicherung, so Reinprecht.
Wenn Menschen in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten leben, steigt die Angst, selbst in eine ähnliche Situation zu kommen. Deshalb grenze man sich von Armut stärker ab. Laut Reinprecht nehme die Armutsgefährdung aber zu, die Situation am Wohnungsmarkt verschärfe sich. „Wir haben seit einigen Jahren eine steigende Armutsquote“, sagt Reinprecht. In Wien lag sie 2025 laut der Armutskonferenz bei 29 Prozent.
Auffälliger im Sommer
Dass Obdachlosigkeit aber gerade in den Sommermonaten mehr auffällt, hat laut dem Caritasdirektor, Alexander Bodmann, mehrere Gründe. „Der erste Grund ist, dass wir uns alle im Sommer mehr im öffentlichen Raum aufhalten.“ Hinzu kommt, dass es außerhalb der Wintermonate weniger Notquartiersplätze gibt. Die Caritas sieht deshalb Bedarf für mehr Plätze. „Wir würden uns wünschen, dass diese Plätze im Sommer großzügiger angeboten werden“, sagt Bodmann.
Aber auch Veränderungen im öffentlichen Raum tragen zur stärkeren Wahrnehmung bei. „Weniger Parkbänke oder mehr Baustellen führen natürlich zu Verdichtungen an anderen Stellen“, sagt Bodmann. Wenn weniger Aufenthaltsmöglichkeiten vorhanden sind, konzentrieren sich Menschen stärker an bestimmten Orten.
Nach wie vor sind Obdachlose überwiegend männlich. Knapp sieben von zehn registrierten obdach- und wohnungslosen Menschen waren 2024 Männer. „Das Thema verdeckte Wohnungslosigkeit spielt bei Frauen stark mit“, sagt Hollendohner vom FSW. Viele würden in prekären Situationen oder sogar Gewaltbeziehungen bleiben, um nicht obdachlos zu werden.
Die Ursachen für Obdachlosigkeit sind aber vielfältig. Laut Bodmann von der Caritas handle es sich meist um eine Kombination. Das reiche von steigenden Miet- und Energiekosten bis zu persönliche Krisen, psychische Erkrankungen oder Suchterkrankungen.
Das bestätigt auch Elisabeth Hammer, Geschäftsführerin von Neunerhaus. Sie beobachte einen langfristigen Anstieg an Obdachlosigkeit, auch für die kommenden Jahre. Besonders Sorgen bereiten ihr mehrere Gruppen: junge Erwachsene, Frauen, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen. Gleichzeitig würden die Fälle komplexer werden. „Da geht es nicht nur um Wohnungslosigkeit, sondern auch um fehlende Versicherung, psychische Erkrankungen, Gewaltsituationen oder Schuldenthemen.“ Einrichtungen, wie das Neunerhaus, müssten immer öfter verschiedene Problemlagen gleichzeitig bewältigen.
Steigende Mobilität
Diese Unterstützungsangebote in Wien seien laut Reinprecht im Gegensatz zu anderen Städten gut. Das merke man an der zunehmenden „Mobilität der Wohnungslosigkeit“. Menschen kommen aus unterschiedlichen Regionen Österreichs oder aus Nachbarländern nach Wien. „Junge Leute versuchen nach Wien zu gehen, weil es hier mehr Chancen gibt. Aber auch Menschen aus Nachbarländern kommen, weil die Situation dort teilweise schwieriger ist als in Österreich.“
Laut Reinprecht ist Wien dank des dichten Netzes an professionellen Einrichtungen gut aufgestellt. Die Herausforderung der kommenden Jahre werde sein, ob diese Strukturen, gerade auch angesichts budgetärer Einsparungen, mit komplexer werdenden Problemlagen Schritt halten können.
Beim Fonds Soziales Wien unter: www.obdach.wien/p/spenden
Beim Neunerhaus unter: www.neunerhaus.at/spenden
Bei der Caritas unter: www.caritas.at/spenden-helfen
Die Caritas hat folgende Hilfsangebote im Sommer:
Hitzepaket
Mit 50 Euro kann man obdachlosen Menschen Hitzepaket schenken. Das besteht aus Isomatte, Sommerschlafsack, Sonnencreme, Trinkwasser und einer Kopfbedeckung.
Gruft-Telefon
Wer Menschen in der Hitze in einer Notlage sieht, kann Schlaf- und Aufenthaltsplätze in der Gruft unter 01 587 87 54 melden.
Klimaoasen
Von Anfang Juli bis September stellt die Caritas sogenannte Klimaoasen in Pfarren zur Verfügung. Menschen können sich an bestimmten Tagen dort tagsüber aufhalten und abkühlen. Es gibt auch Essen und Getränke.
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