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Chronik Wien
11/17/2021

NS-Widerstandskämpfer: Die Weiße Rose von Wien

Josef Landgraf hat als Schüler des Gymnasiums Kundmanngasse mit Flugblättern gegen den Nationalsozialismus aufbegehrt.

von Agnes Preusser

„Eines Tages musste ich mir selbst eingestehen, dass ich mich schämte, ein Deutscher sein zu wollen, wie uns in der Schule immer wieder gepredigt wurde. Ich sollte zu diesem früheren Volk der Dichter und Denker gehören, das jetzt zu einer aufgeheizten, tollen Masse von kriegsdurstigen Fanatikern geworden war?“

Das sind die Worte von Josef Landgraf, der im Zweiten Weltkrieg als Schüler an der Kundmanngasse im 3. Bezirk begann, das Hitler-Regime zu hinterfragen. Er vervielfältigte Flugblätter, scharte mehrere Mitschüler um sich – und wurde schließlich an die Gestapo verraten.

Nach einem einjährigen Aufenthalt in der Todeszelle wurde er 1942 begnadigt. Seine Erfahrungen verarbeitete der 2018 verstorbene Widerstandskämpfer unter anderem schriftlich.

Neues Buch über Landgraf

Ilse Schneider, selbst Lehrerin an der Kundmanngasse, hat die Geschichte neu aufgearbeitet, Landgrafs unterschiedliche Texte zusammengeführt und in Buchform gegossen.

„Während in Deutschland die Mitglieder der Münchner Widerstandsgruppe Weiße Rose (siehe Infobox) als leuchtende Beispiele für das antifaschistische Deutschland in Erinnerung gerufen werden, fehlt in Österreich eine vergleichbare symbolische Gruppe“, schreibt Zeithistoriker Oliver Rathkolb in seinem Vorwort zum Buch. Und weiter: „Biografien wie jene von Josef Landgraf bieten genügend Stoff für eine österreichische Weiße Rose.“

Die Weiße Rose aus München  rund um die Geschwister Sophie und Hans Scholl rief mittels Flugblättern zum Widerstand gegen das NS-Regime auf. Im Jahr 1943 wurde die Gruppe schließlich zerschlagen, die prägenden Mitglieder wurden hingerichtet

Landgrafs Idee, Flugblätter zu produzieren, entstand im Jahr 1940. Informationen, die er beim verbotenen Radiosender BBC gehört hatte, verschriftlichte er auf der Schreibmaschine seiner Eltern. Anfangs verschickte er sie mit der Post oder lieferte sie persönlich mit der Straßenbahn oder dem Fahrrad aus.

In den darauffolgenden Monaten zog er weitere Schüler ins Vertrauen – schließlich konnte von der Gruppe das ganze Stadtgebiet und Bereiche von Niederösterreich und Burgenland abgedeckt werden.

Auf den Flugblättern zu lesen sind Schmähgedichte – oder Sätze wie „Willst du Hitlers Lügenpropaganda glauben?“. Im September 1941 kam es zu einem folgenschweren Fehler. Ein Flugblatt wurde an den Mitschüler Ferdinand Tallamaßl geschickt. Da dessen Vater aber ebenfalls Ferdinand hieß, öffnete dieser den Brief und übergab ihn schließlich an den Schuldirektor, einem glühenden Anhänger des Nationalsozialismus.

Durchsuchte Schultaschen in der Pause

Bereits am nächsten Tag erschienen Beamte der Gestapo in der Schule. Landgraf wurde festgenommen und mit der Straßenbahn ins Wiener Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz gebracht. Zunächst entgingen einige andere Schüler der Verhaftung, weil die Schultaschen der Achtklässler nur in der Pause durchsucht wurden – und die Zeit bis zur nächsten Schulstunde nicht für alle reichte. Später flogen aber weitere auf.

Landgraf beschreibt in seinen Texten die folgenden brutalen Verhöre und die ständige Angst in der Todeszelle. Begnadigt wurde er angeblich, weil die Schwester des Gefängnisseelsorgers einen der führenden nationalsozialistischen Politiker, nämlich Hermann Göring, gekannt haben soll. Gesichert ist dies allerdings nicht, so Herausgeberin Schneider.

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