Chronik | Wien
26.05.2014

Neue Vorwürfe gegen Wiener Lehrer

Immer mehr ehemalige Kalksburg-Schüler melden sich beim KURIER. Erste Fälle schon 1979 bekannt.

Der Missbrauchsverdacht gegen den Lehrer eines Wiener Gymnasiums weitet sich immer mehr zu einem Skandal aus. Weitere ehemalige Schüler berichten über sexuelle Übergriffe durch Mag. S. in seiner Zeit als Nachtpräfekt im Kollegium Kalksburg. Ein ehemaliger Kollege spricht von Gerüchten, die schon in den 1980er- und 1990er-Jahren über S. verbreitet wurden. Und der Teilnehmer eines Ferienhortes im Salzkammergut gibt an, dort von S. in den Jahren 1979 bis 1982 oftmals sexuell missbraucht worden zu sein.

Mag. S., 56, ist nicht nur Lehrer in einem Gymnasium in Wien (seit 1988), sondern war zuvor in Kalksburg als Erzieher tätig. Er leitete über lange Zeit auch eine Jungschargruppe und arbeitete – unabhängig von Kalksburg – über Jahre im Ferienhort am Wolfgangsee, wo er zum pädagogischen Leiter aufstieg. Jetzt wird er von einem ehemaligen Kalksburg-Schüler geklagt.

Ferienhort

"Ich wurde von Mag. S. auch missbraucht", erklärt Herr Thomas (vollständiger Name der Redaktion bekannt) im KURIER-Gespräch. "Als Kind war ich in den Sommerferien immer mehrere Wochen im Ferienhort am Wolfgangsee", sagt der heute 47-Jährige. "Begonnen hat alles unter dem Titel der Aufklärung und Hygiene, wo er einem wie irrtümlich auf die Geschlechtsteile gegriffen hat", erinnert sich Herr Thomas. "Da hat S. sondiert, welche Buben körperlich schon so weit waren." Und die, die besonders zuneigungsbedürftig gewesen seien, habe S. mit ins Zimmer genommen. "Ich wurde vier Jahre lang von ihm missbraucht, und ich könnte noch fünf weitere Betroffene nennen."

1980 soll Herr Thomas, als 13-Jähriger, bei einer Zugreise durch Österreich ebenfalls von S. missbraucht worden sein. "Auch andere Buben waren betroffen. Die waren alle aus Kalksburg."

Ein ehemaliger Pädagoge des Ferienhortes, nunmehr Gymnasialdirektor in NÖ, bestätigt, dass S. im Hort am Wolfgangsee – mit kurzer Pause – weit über ein Jahrzehnt gearbeitet hat. "Man hat über ihn gemunkelt, dass er kleine Buben gern hat. Mir ist aber nie aufgefallen, dass er einen missbraucht hat." Wenn man mit ehemaligen Kalksburg-Schülern über den Ex-Erzieher Mag. S. spricht, erntet man zu Beginn meist Schweigen. "Ich kann über die Zeit nicht sprechen. Aber es ist sicher etwas vorgefallen", sagt ein Ex-Schüler, der anonym bleiben will.

"Er hat unser erstes jugendliches Interesse geweckt – durch eine plakative Offenheit und durch direktes Ansprechen von Sexualpraktiken", erinnert sich ein weiterer Schüler des Maturajahrgangs 1988. Zudem habe er sexuelle Übergriffe durch S. beobachtet.

"Auch geküsst"

Auch Herr Christian (Name der Redaktion bekannt) kann sich gut an die Schulzeit erinnern. S. habe sich Buben auf den Schoß gesetzt und sie gestreichelt. "Manchmal auch mit dem Mund geküsst." Sei man zu S. ins Zimmer gekommen, um etwas zu holen oder eine Frage zu stellen, habe dieser nicht selten gemeint: "Komm, setz dich her da." Und auf seinen Schoß gedeutet.

Herr Thomas und Herr Christian werden demnächst als Zeugen vor Gericht aussagen. Wie berichtet, hat ein weiterer ehemaliger Kalksburg-Schüler die Jesuiten (damals Eigentümer des Internats) und Mag. S. auf Schadenersatz geklagt. Er wirft S. jahrelangen sexuellen Missbrauch vor. Weitere Zeugen haben sich bei Anwalt Johannes Öhlböck gemeldet, der den Kläger vertritt.

Mag. S., bisher unbescholten, sagte im KURIER-Interview, dass er schon für die Schadenersatzzahlung spare. Gegenüber dem Wiener Stadtschulrat hat er diese Aussage jedoch bestritten.

Im Juli 2013 erhält Mag. S. die erste Klagsdrohung wegen sexuellen Missbrauchs.

Im November wird der Wiener Stadtschulrat vom Kläger über den angeblichen Missbrauchsfall informiert.

Im Jänner 2014 antwortet die Behörde – man wolle aufklären.

Im Mai wird die jetzige Schule von Mag. S. durch KURIER-Recherchen über den möglichen Missbrauchsfall informiert. Bisher habe man davon nichts gewusst. KURIER-Berichte über die Missbrauchsvorwürfe und ein Interview mit dem Lehrer folgen.

Im Juni ist die erste Verhandlung gegen Mag. S. anberaumt.