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Chronik Wien
05/30/2021

Naschmarkt: Mit dem Blumentopf in die Kampfzone

Die Debatte um die Zukunft des Naschmarkt-Parkplatzes erreicht diesen: Bürger demonstrieren, Parteien sammeln Unterschriften.

von Stefanie Rachbauer, Christoph Schwarz

Ein Mann und eine Frau haben ihre Vorstellung von der künftigen Gestaltung des Naschmarkt-Parkplatzes kurzerhand mitgebracht: Mitten auf der asphaltierten Fläche haben sie auf einem Stück Rollrasen Platz genommen, je eine Zimmerpflanze an ihrer Seite.

Dass man auf der Fläche keine Bäume pflanzen könne, sei logisch, sagen sie. Aber Grünstreifen, so wie sie einen mitgebracht haben, müssten doch möglich sein. Das sei jedenfalls besser als eine Markthalle.

Die beiden nehmen mit einer erklecklichen Anzahl an gleichgesinnten bei einem Flashmob neben der U-Bahn-Station Kettenbrückengasse teil. Dazu geladen hat die Bürgerinitiative „Freiraum Naschmarkt“. Das Motto: „Für Park, für Flohmarkt, gegen Halle“.

Die Aktion am gestrigen Samstag ist der vorläufige Höhepunkt in der aktuellen Diskussion um den Naschmarkt-Parkplatz – und die Markthalle, die Stadträtin Ulli Sima (SPÖ) dort bauen will. Die 12.000 Quadratmeter messende Fläche wird dabei selbst immer mehr zur Arena, vor allem an Samstagen, wenn dort Flohmarkt ist: Da sind besonders viele Menschen unterwegs, die man für oder gegen die Halle mobilisieren kann.

Kampf mit allen Mitteln

Derzeit laufen das Beteiligungsverfahren der Stadt (Details siehe Infobox), eine Unterschriftenaktion der Grünen (die einen Park wollen), eine Unterschriftenaktion der FPÖ (die den Status quo erhalten will) und eine offizielle Petition an den Gemeinderat von der „Freiraum Naschmarkt“-Initiative (die ebenfalls Grünraum will).

Um ihren Protest sichtbar zu machen, hat Letztere Häuser an der Wienzeile mit gelben Bannern beflaggt. Darauf zu sehen: blühender Löwenzahn. „Der ist unser Symbol, weil er sich den Weg durch den Asphalt bahnt“, sagte eine Flashmob-Teilnehmerin, die mit einem Mikro den Speakers' Corner – eine hohe Leiter – erklommen hat. Sie ist die erste von vielen Rednern, die an diesem Nachmittag gegen die Halle wettern und konsumfreien Grünraum verlangen wird.

Neben ihr haben sich mehrere Teilnehmer in einem großen Rechteck aufgestellt und mit gelben Stoffbahnen verbunden – ein Zitat eines Werks des deutschen Künstlers Franz Erhard Walther, das sich mit Raum befasst. Im Publikum: Michi Reichelt, Vize-Bezirkschef in Mariahilf und Vertreter einer Partei, die in der Debatte kräftig mitmischt: der Grünen.

Unredliche Argumente

Diese sind jeden Samstag auf dem Naschmarkt zugegen, um Unterschriften für einen Park zu sammeln. (Auch die FPÖ lässt sich regelmäßig blicken). Überzeugen will man nicht nur mit ganz fairen Mitteln. So versuchen so manche Grün-Aktivisten, im Hinblick auf den Flohmarkt Verunsicherung zu säen: Ob dieser bleiben könne, wenn die Markthalle komme, sei fraglich, erzählen sie Passanten.

Dabei hat die SPÖ den Flohmarkt nie infrage gestellt – was die Grünen freilich wissen: „Der Flohmarkt bleibt auch nach der Neugestaltung erhalten“, hielt Sima kürzlich in der Beantwortung einer Anfrage der Grünen an sie fest.

Bürgerbeteiligung verlängert

Sima hat sich unterdessen entschieden, das Bürgerbeteiligungsverfahren auszudehnen. Ursprünglich war es bis Anfang Juni angesetzt, im Juli sollten die Ergebnisse präsentiert werden. Dieser Plan ist inzwischen überholt: „Aufgrund des großen Interesses wollen wir das Beteiligungsverfahren über den Sommer verlängern“, heißt es gegenüber dem KURIER aus ihrem Büro.

Man wolle „noch mehr Menschen die Chance geben, sich aktiv einzubringen und mit uns Ideen für die Neugestaltung der Betonwüste zu diskutieren“.

Die nächste Runde im Kampf um den Parkplatz wird übrigens nächsten Samstag ausgetragen: Da findet auf der Fläche eine Infoveranstaltung der Stadt statt.

Hallen-Konzept

Der Wettbewerb Seit Monaten bewirbt Planungsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) die geplante Halle auf dem Naschmarkt-Parkplatz mit Visualisierungen. Aussehen wird diese aber wohl etwas anders. Im Anschluss an den Bürgerbeteiligungsprozess, der im Herbst endet,  startet ein europaweiter Gestaltungswettbewerb.  Das Siegerprojekt wird 2022 gekürt

Die Idee Grundsätzlich soll die Halle ein Drittel des Parkplatzes einnehmen und einem Carport ähneln – sie soll an den Seiten offen sein. Das Dach soll begrünt werden und
mit einer Fotovoltaikanlage ausgestattet werden. Die restliche Fläche steht für „weitere Gestaltungen“, wie Bepflanzung, offen. In der Halle sollen allen voran regionale Hersteller ihre Produkte anbieten

Historie: Beliebt, aber nicht nachhaltig

Es sind gerade einmal 600 Meter Luftlinie, die die das Haus in der Esterhazygasse 24 vom Naschmarkt-Parkplatz trennen. Was die beiden Orte verbindet? An ersterem Standort fand sich im 19. Jahrhundert das, worüber an zweiterem seit Wochen heftig debattiert wird: eine Markthalle.

Es war zu einer Zeit, in der die Stadt intensiv in die Eröffnung derartiger Hallen investierte. Zwischenzeitlich gab es sieben Markthallen in Wien. Den Anfang machte im Jahr 1865 die Central-Markthalle an der Stubentorbrücke. 1871  folgte die Zedlitzhalle, die den Markt an der Seilerstätte ersetzen sollte. Ziel der Stadt:  Man wollte die Versorgung mit Nahrungsmitteln verbessern, nachdem Wien zuvor stark gewachsen war – und gleichzeitig landwirtschaftlichen Produzenten die Möglichkeit geben, ihre Waren zu verkaufen.

Eines ist allen Hallen gemein: Die Projekte nahmen kein gutes Ende. Die Central-Halle wurde drei Jahre nach Eröffnung umfunktioniert; jene am Zedlitzplatz  1902 aufgelassen und 1965 abgerissen. Am längsten hielt sich die denkmalgeschützte Nußdorfer Markthalle, die erst 2002 an Private verkauft wurde. Heute gibt es nur noch den Meiselmarkt, der zwar keine Markthalle im klassischen Sinne, aber zumindest überdacht ist.

Großer Andrang

Wie aber lief das Geschäft in der Markthalle in der Esterhazygasse? Anfangs gar nicht so schlecht. Eingerichtet wurde der Markt in der einstigen
Esterházy-Reitschule,  die hier (unweit des damaligen Esterházypalais in der Amerlingstraße 6) untergebracht war. Nachdem die Stadt die Immobilie  gekauft hatte, diente sie kurz als Kaserne der Sicherheitswache und als Werkstätte für den Kunsttischler Bernhard Ludwig.

Am 1. Dezember 1877 wurde dann die sogenannte Detailmarkthalle eröffnet und erfreute sich zu Beginn so großer Beliebtheit, dass ein Zubau errichtet werden musste. Das Erdgeschoß des neuen Amtshauses wurde im Jahr 1891 zur Erweiterung des Marktes verwendet.

Zu Spitzenzeiten hatten sich 72 Marktviktualienhändler  eingemietet, dazu unter anderem mehrere Fleischhauer und Selcher, vier Sauerkrauthändler und ein Korbflechter.

Schlussendlich ereilte die Halle aber das gleiche Schicksal wie alle anderen. 

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