Vermüllung: Wiens Problem mit den „Saubartln“

Im Frühling werden die Problemzonen der Großstadt deutlich sichtbar. Doch wer ist schuld daran?
Zwischen trockenem Laub und Gras liegen mehrere Plastikflaschen und Müll verstreut am Boden.

„Saubartln“, pflegt Wiens MA48-Chef Josef Thon gerne zu sagen. Nämlich zu jenen Zeitgenossen, die es mit der korrekten Müllentsorgung nicht so genau nehmen. Wahrscheinlich stirbt der Begriff eher aus als die „Saubartln“ selber, die ihren Müll achtlos – oder besser: absichtlich – in die Umwelt werfen. Wer dieser Tage mit offenen Augen durch das frühlingshafte Wien spaziert, der muss unweigerlich davon ausgehen, dass hier Zig-Tausende „Saubartln“ am Werk waren.

Zwei Streiflichter: In den neuen Kies-Rabattln des umgemodelten Julius-Tandler-Platzes am Alsergrund recken die Märzenbecher ihre Köpferl in die Sonne – umgeben von einer unheiligen Trias aus Tschickpackerl, Plastikfolie und Papiertaschentuch. Man kann jedes einzelne Fuzerl zählen und käme bald bei 100 an – ohne fertig zu sein. Die neuen Beete mögen zwar ein schöner Blickfang sein, sie sind aber noch mehr Müllfang, da die Staketenzäune besser sammeln als es die städtische „Kehrforce“ (vulgo Straßenkehrer) könnte.

„Deponie“ am Kanal

Noch schlimmer die Situation am Donaukanal-Gestade bei der Heiligenstädter Brücke: Hier neben dem Treppelweg hat sich über Monate (oder sind es Jahre?) eine kleine Mülldeponie gebildet, die jeden naturverbundenen Menschen die Zornesröte ins Gesicht treibt: Getränkebecher, PVC-Folien, Baumaterialien, Plastikflaschen, Essensverpackungen – alles, was unter den Fachbegriff „Littering“ fällt, scheint sich im Gestrüpp verfangen zu haben, um mit den gerade blühenden Wildkirschen zu kontrastieren. 

Hier aufzuräumen käme einer Sisyphusarbeit gleich – zumal aus vorbeifahrenden Autos gewiss rasch „nachgeliefert“ würde. Dass diese Unrat-Galerie im noblen Döbling so bleiben kann, ist freilich auch keine Option – erst recht nicht zur Zeit des Frühjahrsputzes.

Für Jugend zu schmutzig

An solchen Müll-Hotspots sieht Wien jedenfalls nicht mehr aus wie Wien – und wird dem jahrelang aufgebauten Selbstbildnis der vielleicht saubersten Großstadt Mitteleuropas nicht (mehr) gerecht. Dazu passt auch eine vor zwei Jahren vom Rathaus beauftragte große Jugendstudie, wo gleich zwei Drittel der Befragten Schmutz und Müll im öffentlichen Raum als eines der größten Probleme empfinden. Womit sich allgemeine Wahrnehmung (der Jugend) und Außendarstellung (der Stadt) so zueinander verhalten wie Zigarettenstummel und Märzenbecher.

Daher die Frage: Ist Wien schmutziger oder sind die Wiener nur sensibler geworden? Eine klare Antwort darauf ist nicht wirklich zu eruieren. Denn harte Zahlen mit Jahresvergleichen existieren laut einer Sprecherin der Müllabfuhr nicht, da es für den von der Straßenreinigung aufgelesenen Müll „keine gesonderte Verwiegung“ gebe. Auch sei die Schlagkraft der „Kehrforce“ seit Jahren gleich und keinen Sparzwängen unterworfen. Vielmehr gebe es in den vergangenen Jahren messbare Erfolge beim Hundekot (täglich 100.000 Sackerl mit Gackerl im Müll statt am Gehsteig) und einen Anstieg bei den „in den Aschenrohren gesammelten Tschickstummeln“.

„Man kann die Kulturdifferenz zwischen dem arabischen Raum und Europa nicht leugnen.“ 

von Bernhard Heinzlmaier

zum Faktor Migration bei Littering

Auch der streitbare Soziologe und Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier empfindet Wien im internationalen Vergleich als „recht sauber und adrett“. Doch durch die Wiener Jugend gehe eine Art Riss – sowohl was den Umgang mit Müll, als auch die Sensibilität betrifft. „Ober- und Mittelschichten sind ordentlicher denn je. Man sehe sich doch nur die adretten Jugendlichen mit Ralph-Lauren-T-Shirt, Jeans von Weekday und ihren New-Balance-Sneakern an.“ Diese Gruppe wolle „nicht mit Grenzüberschreitungen“ auffallen.

Anders als die migrantisch geprägten Milieus aus der Vorstadt, die das „Regel-Brechen“ quasi in ihrer DNA hätten. „Ordnung ist für sie immer eine Herausforderung. Sie muss in Unordnung verwandelt werden“, sagt Heinzlmaier. Und dazu gehöre eben auch einmal, „einen Mistkübel zusammenzutreten“. Auch Umwelt- und Klimaschutz seien „für die urbanen Unterschichtsmilieus völlig uninteressant“.

Mehrere schwarze Mülltonnen der Stadt Wien sind mit Ketten gesichert und mit "Sorry Closed" beschriftet.

Sorry Closed? Für Müllsünder offenbar eine faule Ausrede für die Botanik-Entsorgung. 

Für die Vermüllung des öffentlichen Raums beschere dies aber auch ein Problem, das gerne unter den Tisch gekehrt werde – nämlich den Faktor Migration. „Wenn jemand aus Syrien nach Wien kommt, dann lernt er hier zum ersten Mal in seinem Leben das Phänomen der Mülltrennung kennen. Man kann die Kulturdifferenz zwischen dem arabischen Raum und Europa nicht leugnen“, so Heinzlmaier, der hier ansetzen würde, um „Vermüllungsphänomene“ zu bekämpfen. Dass Wien etwa bei der Plastikmülltrennung massiv hinterherhinkt, hat auch mit Werteunterschieden im urbanen Raum zu tun, wo bis zu 25 Prozent der Bevölkerung für Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen wenig zugänglich seien (der KURIER berichtete im März 2025).

Welche Lösungen es gibt

Bleibt die Frage, wie man die Umweltverschmutzung eindämmt: McDonald’s, mit seinem Verpackungsangebot quasi mitbeteiligt, reagierte im Herbst mit einer Kampagne im TV und auf digitalen Kanälen – denn „insbesondere in stark frequentierten urbanen Lagen ist Littering sichtbarer geworden“ und es gebe „sinkende Hemmschwellen beim Wegwerfen“, findet McDonald’s-Sprecher Wilhelm Baldia. Doch Bewusstseinsbildung brauche Zeit, zudem sollten sich „noch mehr Akteure aktiv engagieren“. 97 Prozent der Gästeverpackungen der Fast-Food-Kette seien schon jetzt „aus Papier oder Karton“, zudem forsche man „intensiv“ an Mehrwegverpackungen.

Ein damit verbundener Pfand etwa auf Fast-Food-Trinkbecher sei zwar ein „harter Eingriff“, wie Andreas Pertl von der Anti-Littering-Initiative „Österreich sammelt“ sagt, aber wohl der nächste logische Schritt nach dem Plastikpfand. Und höherer Strafen? Eher sei der Schlüssel zum Erfolg die Bewusstseinsbildung – und zwar „von der Kindheit an“.

Damit die „Saubartln“ vielleicht doch aussterben.

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