Vom Mistkübel in den Heizkörper: Wie der Wiener Müll zu Fernwärme wird

Fernwärme Wien Energie
Täglich werden 1.000 Tonnen Müll in die Spittelau gebracht. Dort wird der Abfall verbrannt, die dabei entstandene Hitze landet über viele Stationen in den Wiener Heizkörpern.

Von Maximilian Gruber und Daniel Jamernik

Alte Matratzen, zerbrochene Plastikkübel, bunte Säcke, ein Wäscheständer – im riesigen Müllberg in der Verbrennungsanlage Spittelau findet sich, was Wien täglich wegwirft. Bei diesem Anblick ist noch schwer vorstellbar: Aus dem Müll wird so viel Fernwärme erzeugt, wie 76.000 Wiener Haushalte verbrauchen. Der KURIER hat einen exklusiven Einblick in die Fernwärmeerzeugung bekommen, vom Abfall bis zum Heizkörper.

Ein süßlich-fauliger Geruch liegt in der Luft. „Nach Veilchen riecht es hier selten“, scherzt Ulrich Ponweiser. „Oder wie ein Kollege einmal gesagt hat: Wir sind eine Müllanlage, keine Zuckerlfabrik.“ Der Verfahrenstechniker – orangefarbener Helm, schwarze Weste – erzählt, dass täglich 1.000 Tonnen Wiener Müll in die Anlage mit der Hundertwasser-Fassade gebracht werden.

Gerade schwingt ein metallener Greifarm am Schaufenster in 15 Meter Höhe vorbei, senkt sich hinab und sticht in den Müllberg. Dieser verschwindet unter einer Staubwolke. „Die Masse wird durchmischt, damit sie homogen ist“, sagt Ponweiser. Denn nicht jeder Stoff brenne gleich gut.

Zwei Arbeiter mit Helmen bedienen eine große, rote Industrieanlage.

Im Müllofen verbrennt der Abfall bei 850 bis 1.000 Grad und erhitzt dabei Wasser aus dem Donaukanal. 

Riesiger Ofen

Ist der Abfall durchmischt, kommt er in den Müllofen. Ponweiser öffnet eine Luke am Fuße des 40 Meter hohen Heizkessels. Die Welt hinter dem Beobachtungsglas ist in Orange getaucht. Davor hebt sich die schwarze Silhouette des Mülls ab. Der brennt gerade bei 850 bis 1.000 Grad Celsius. Das spürt man. Ponweiser zeigt auf seine Weste. „Die muss ich hier oft ausziehen.“ Er spricht laut, um das Dröhnen und Piepen in der Halle zu übertönen.

Viele Stahlgitter-Stufen darüber befindet sich die Dampftrommel. „Das Herzstück“, meint der Techniker. Das vom Feuer erhitzte Wasser aus dem Donaukanal wird hier zuerst zu Dampf. Dieser treibt eine Turbine an, in der Strom für den Eigenbedarf sowie für 30.000 Haushalte gewonnen wird. Dann wird aus dem Dampf erneut Wasser.

Dieses heiße Wasser gibt in einem sogenannten Wärmetauscher die Hitze an die Fernwärme-Leitungen ab – die Wärme wird hier wortwörtlich ausgetauscht. Mit 150 Grad Celsius und hohem Druck macht sich das heiße Wasser nun auf den Weg in die Stadt zurück.

Helles, orangefarbenes Feuer lodert über dunklem Untergrund.

Primärleitung ins AKH

Das Wiener Fernwärmenetz ist 1.350 Kilometer lang. „Ungefähr wie Luftlinie von hier nach Oslo“, erzählt Ponweiser. Davon sind etwa 560 Kilometer das Primärnetz, jene Leitungen, die in den Anlagen wie Spittelau erhitzt werden. Über erneute Wärmetauscher gibt das Primärnetz die Hitze wiederum an sogenannte Sekundärleitungen ab, über die die Energie an die Wiener Haushalte und Unternehmen transportiert wird. Ein Teil der Fernwärme geht außerdem ganzjährig an das Wiener AKH.

Die Leitung zum AKH startet im Franz-Ferdinand-Stollen in der Spittelau. Es rumpelt. Ponweiser deutet auf die niedrige Decke im Gewölbe. „Über uns fährt gerade die U4. Und durch den Stollen könnte man bis zum Hauptbahnhof gehen.“ Dann zeigt er auf die Rohre. „Das ist eine besondere Primärleitung, sie ist doppelt ausgelegt.“ Über die doppelte Leitung kann einerseits durchgehend 150 Grad heißes Wasser fließen, die zweite wechselt zwischen Fernwärme im Winter und Fernkälte im Sommer.

Große silberne Rohrleitungen mit gelben Geländern und Metalltreppen in einer Industrieanlage.

Die Rohrleitungen der Müllverbrennungsanlage.

„Der Energiebedarf des Wiener AKH entspricht in etwa jenem von Wiener Neustadt“, sagt Jörg Simonitsch, stellvertretender technischer Direktor des AKH, vier Kilometer weiter südlich der Spittelau im Kellergeschoß des Spitals. Dementsprechend groß ist auch der Wärmetauscher, auf den er zeigt. Ein Teil der Fernwärme wird hier für die Luftbefeuchtung zu Dampf, der Rest fließt als Warmwasser in die Duschen oder die Heizkörper.

Hat das Primärnetz seine Wärme an das AKH weitergegeben, fließt es mit 60 bis 100 Grad die vier Kilometer zurück in die Spittelau. „Das ist für uns kalt“, lacht Ulrich Ponweiser. Nun beginnt der Kreislauf von vorne, wenn brennende Matratzen, Mistsäcke und Wäscheständer das Wasser erhitzen.

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