Ein verschwindender Beruf: Wer in Wien noch Holz und Kohle liefert

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Peter Hinterhoger ist einer der letzten Brennstofflieferanten Wiens. Ein Beruf, der ihm tiefe Einblicke ins Leben der Wiener beschert.

Peter Hinterhoger hat zwei Drittel seiner Kunden verloren. Nicht alle auf einmal, aber langsam, schleichend. Früher, also vor etwa 30 Jahren, hat er noch 700 bis 800 Menschen in Wien beliefert. Seine Ware: Brennstoffe. Also zum Beispiel Kohle oder Holz. Güter, für die es in der Stadt heutzutage kaum noch Abnehmer gibt.

Gründe dafür gibt es viele. Sein Kundenstamm ist höheren Alters, junge Leute kommen nur wenige nach, sagt der Händler. Dazu kommt, dass es erklärtes Ziel der Stadt ist, die Fernwärme – wo dies möglich ist – auszubauen. Weg mit den fossilen Brennstoffen lautet die Devise, „Raus aus Gas“ das Schlagwort dazu.

Ein Mann mit Brille steht vor einem Lieferwagen, während eine Person im Inneren einen Sack entlädt.

Ab halb sieben Uhr morgens liefert Peter Hinterhoger aus. 

Der Weg ist aber ein weiter, rund 600.000 Gasheizungen gibt es laut der Stadt in Wien noch. Die Zahlen vom Wiener Feuerungsanlagenregister (FAR) weichen davon allerdings ein bisschen ab (siehe Grafik). Rund 350.000 Gasheizungen gibt es laut der Erhebung mit Stand Juni 2025. Das Register gibt es allerdings auch erst seit der Novelle des Wiener Feuerpolizeigesetzes im Jänner 2024. Seitdem erfassen Rauchfangkehrer bei der jährlichen Hauptkehrung alle „fossilen Feuerungsanlagen“, berichtet die Baupolizei (MA 37).

Grafik zu fossilen Heizungsanlagen in Wien mit Zahlen und Bezirksverteilung nach Brennstoff.

Sonderfall Kohle

Betrachtet man die bisherige Bilanz des Registers, bestätigt sich auch eine bereits gehegte Annahme: Heizanlagen, die mit Kohle oder Koks betrieben werden, sind mittlerweile beinahe Sonderfälle. Das betätigt auch die Wahrnehmung von Peter Hinterhoger: „Die Nachfrage danach ist um 80 Prozent gefallen.“

Laut Nutzenergieanalyse der Statistik Austria macht Kohle nicht einmal ein Prozent des gesamten Verbrauchs an Heizenergie in privaten Haushalten in Wien aus. Wirklich Geld verdienen lässt sich damit also nicht mehr. Im Vergleich dazu wird noch deutlich öfter mit Holz geheizt. Ganze 4 Prozent des Verbrauchs von Heizenergie sind darauf zurückzuführen.

Heizen mit Holz

Eine derjenigen, die mit Holz heizt, ist Monika Leykam. Die 74-Jährige ist Hausbesorgerin im 7. Bezirk. Eine Heizung hat sie nicht, nur ihr Holzofen spendet ihr in ihrer Erdgeschosswohnung im Winter Wärme. Das Holz liefert ihr Peter Hinterhoger. Holz macht mittlerweile den Hauptteil seines Geschäfts aus, sagt er.

Schon seit über 20 Jahren kommt er jeden Winter zu Frau Leykam. Heuer allerdings besonders oft: „Dass es so kalt wird, damit haben wir nicht gerechnet. Damit hat niemand gerechnet. Deshalb braucht heuer jeder ein bisschen mehr zum Heizen.“ Briketts seien nun Mangelware, sagt Hinterhoger. „Normalerweise wissen die Werke, wie viel pro Jahr ungefähr gebraucht wird. Das wird gemacht und fertig. Wenn dann alles aus ist, müssen wir warten, bis wieder etwas produziert wird.“

Eine Frau mit roter Jacke steht vor einem Kaminofen in einem Wohnzimmer.

Monika Leykam heizt ihre Wohnung nur mit Holz. 

Auch Holz ist kaum noch welches vorhanden. Hinterhoger erinnert das an die Corona-Zeit: „Das war die Hölle. Damals bin ich 100 Kilometer weit gefahren, um Ware zu holen. Da haben mir die Kunden die Tür eingerannt.“

"Kein Geld"

Heuer sollten die Szenen aufgrund der Kälte eigentlich ähnliche sein, sagt Hinterhoger: „Normal, so kalt wie es jetzt ist, müssten sie mir die Tür wieder einrennen. Aber die Leute haben halt kein Geld.“ Mehr als einmal sei er schon in eine Wohnung gekommen, in der es drinnen gleich kalt war wie draußen. „Die Leute heizen dann nur den einen Raum, in dem sie sich aufhalten. Anders können sie es sich einfach nicht leisten.“

Ein Stapel gespaltenes Brennholz liegt auf einem Boden in einem dunklen Raum.

Mittlerweile verdient Hinterhoger sein Geld vor allem mit Holz. 

Pension rückt näher

Aufgrund der Kälte musste heuer auch Frau Leykam Holz nachbestellen. Einen großen Ort zum Lagern hat sie nicht, im Keller ihres Wohnhauses aber steht ihr ein kleiner Raum zur Verfügung. Wenn sie sieht, dass ihr gelagertes Holz dem Ende zugeht, ruft sie Peter Hinterhoger an, der nur wenige Tage später mit der Lieferung vorbeikommt.

Allerdings nicht mehr sehr lange. Zwei Jahre lang will Hinterhoger seine Arbeit noch machen. Danach will der 63-Jährige in Pension gehen. Einen Nachfolger gibt es nicht. „Kein Mensch will mehr arbeiten“, sagt Hinterhoger. Er selbst würde den Job heute aber auch nicht mehr machen, sagt er. „So arbeiten würde ich auch nicht mehr. Dazu würde mich keiner mehr bringen.“ Früh aufstehen, schwer tragen, immer weniger Kunden, immer mehr Bürokratie – ein schwieriges Geschäft.

Nach Peter Hinterhogers Pensionierung wird die Firma also zusperren. Frau Leykam versetzt das in Sorge: „Ich bin aufgeschmissen und frage mich, wo ich mein Holz dann herbekommen soll“. Einer seiner zwei bis drei noch bestehenden Mitbewerber werde seine Kunden schon übernehmen, ist sich Hinterhoger sicher. Dafür werde er sorgen.

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