Chronik | Wien

Schönbrunn, Hofreitschule, StephansdomBauwerke in Wien, die jeder kennt und bewundert. Aus der ganzen Welt reisen Menschen hierher und bekommen genau das präsentiert – die üblichen Klischees. Das war Eugene Quinn, einem gebürtigen Briten, der seit acht Jahren in Wien lebt, auf Dauer zu wenig. Im Zuge des Songcontests – "einer Party des Kitschs und des schlechtes Geschmacks" – , ist er 2015 auf die Idee gekommen, eine Tour durch die Stadt anzubieten, die dorthin führt, wo sie nicht strahlt und glänzt. "Wir möchten mit Wiens zuckersüßem Image spielen und als Gegenpol ihre abenteuerliche, zeitgenössische und coole Seite zeigen", erklärt Eugene. Unter dem Motto "ugly vienna tour" führt er seit zwei Jahren Touristen und interessierte Wiener zu diesen besonderen Orten. Wir haben uns mit ihm zu seinen persönlichen architektonischen No-Gos begeben.

Campus

Wir treffen Eugene, dessen Markenzeichen die orange Hose der Müllabfuhr – eine Sympathiebezeugung für das Engagement der MA 48 – ist, bei der U-Bahn-Station Spittelau. Zunächst lassen wir den Blick einmal schweifen, über die behübschte Müllverbrennungsanlage, die so typisch für das süße Klischee der Stadt ist, hin zum Bundeskriminalamt bis zu unserem eigentlichen Ziel, dem alten WU-Campus am Alsergrund. Verlassen wirkt der 80er-Jahre-Bau an diesem heißen Sommertag, obwohl hier nach wie vor studiert wird. Der Campus fungiert seit dem Auszug der Wirtschaftsuniversität als Ausweichquartier für die Technische Universität, was Eugene amüsant findet: "Ist doch perfekt, dass hier jetzt TU-Studenten Raumplanung studieren können, so können sie gleich vor Ort feststellen, wie es nicht geht."

Das monströse Bauwerk erscheint isoliert, es gäbe zu viel ungenutzte Freiflächen, die verwahrlost wirken, aber mit wenig Aufwand wie Bänken einen Sinn bekämen. Hier gäbe es nur eine Botschaft und die lautet: "Alles hier sagt, geh weg! "

Listenplatz

Neun Orte stehen heute auf Eugenes Tour, im Normalfall sind es weniger, weil eine Tour rund 1,5 bis zwei Stunden dauert. Ein Bauwerk kommt dann auf die Liste, wenn sich jemand zwar ganz offensichtlich was überlegt hat und eine Botschaft hatte, die aber nicht richtig ankommt und das architektonische Konzept damit nicht aufgeht. Manches Mal treibe der Ehrgeiz der Architekten ganz seltsame Blüten, wie etwa beim Franz-Josefs-Bahnhof, der nächsten Station des Rundganges. Er werde seiner Bestimmung einfach nicht gerecht.

Wenn Eugene seine Tourteilnehmer fragt, was es für ein Gebäude sein könnte, kommt keiner der internationalen Gäste auf die Idee, dass es sich um einen Bahnhof handelt. "Das heißt doch was!"Den Zugang zu den Bahnsteigen muss man suchen, eine Halle gib es erst gar nicht, nur vereinzelt finden sich Geschäfte, es fehlt an Bewegung und Geschäftigkeit, die man mit einem Bahnhof grundsätzlich ja verbindet. Allerdings gibt es schon konkrete Pläne für eine Neugestaltung des Areals, die große bauliche und gestalterische Maßnahmen beinhaltet. Damit hat das zukünftige "Althans-Quartier" eine gute die Chance, aus Eugenes Liste zu fliegen. Der Guide lässt grundsätzlich bei jedem Stopp abstimmen, ob das Bauwerk gefällt oder nicht und daraus entstehen oft die interessantesten Diskussionen, wie er erzählt. Naturgemäß passiert man bei seinem Stadtspaziergang auch schöne Bauwerke, aber er fordert seine Teilnehmer auf, nicht diese anzusehen, sondern den Blick lieber auf das "Verlierer"-Gebäude nebenan zu werfen, denn "ein hässliches Gebäude gibt es ja eigentlich nicht, es liegt im Auge des Betrachters und dem Urteil, das er darüber fällt". Mittlerweile erkennen ihn die Leute auf der Straße, nicht nur wegen der orangen-farbenen Hose, sondern auch weil er immer wieder medial präsent ist. Eugenes Touren sind etwas Besonderes und er ist sich dieser Verantwortung durchaus bewusst. Er möchte Wien keinesfalls schlecht dastehen lassen, sondern nur eine andere Seite der Stadt zeigen.

Dachausbau

Next Stopp: Karmelitermarkt in der Leopoldstadt. Es ist eine Gegend, die in den vergangenen Jahren einen ungeheuren Aufschwung erlebt hat und zu einem Szeneviertel geworden ist, dessen Zentrum der Markt ist, auf dem es keine Berührungsängste gibt. So findet man den veganen Imbiss direkt neben dem alteingesessenen Pferdefleischer. Und auch eine architektonische Skurrilität gibt es zu entdecken.

Auf der Adresse Im Werd blendet im gleißenden Sonnenlicht ein Dachausbau die Umgebung. Ob uns die Form des goldenen Vorbaus an etwas erinnere, will Eugene wissen. Riesendackel oder Alligator– wir sind uns uneins. Einigkeit besteht aber darüber, dass der Aufbau auf dem Dach des Gründerzeithauses völlig deplatziert wirkt und einfach nicht auf das Dach des Hauses passt. "Hier hat sich jemand sichtlich angestrengt bei der Planung, ist aber kläglich gescheitert", so Quinn über das Gesamtkonzept. Die Wohnungen wären noch zu haben, erzählt Eugene mit einem wissenden Lächeln. Gleich ums Eck ist schon der nächste Halt. Ein Haus in der Großen Schiffgasse, das mit seiner Fassadengestaltung Verwirrung beim Betrachter stiftet, denn nichts passt hier zusammen.

Normalerweise würde man an dem Apartmenthaus vorbeilaufen, aber nicht, wenn man auf einer "ugly tour" ist und Eugene ihm den Titel "Kandinsky trifft auf Kindergarten" gibt. Schon macht man sich Gedanken und erzählt sich von modischen Sünden, die man selbst begangen hat.Stahlbeton.Nach dem Kindergeburtstagshaus in der Leopoldstadt machen wir uns auf in den 10. Bezirk, zur Favoritenstraße 118, dem Haus, das Star-Architekt Günther Domenig entworfen und gebaut und das er selbst als Schlüsselwerk seines Schaffens bezeichnet hat. Das Gebäude befindet sich auch nicht wegen seiner außergewöhnlichen Fassade, die verblüffende Ähnlichkeit mit Darth Vader aufweist, auf Eugenes Ugly-Liste, sondern vielmehr deshalb, weil es ein Symbol für die bizarre Sprache der Architekten sei, die für alle anderen Menschen oft nur schwer verständlich ist. "Viele Architekten reden über ihre Architektur lieber miteinander und möchten mit ihren Entwürfen Preise gewinnen und vergessen dabei, dass sie mit der Öffentlichkeit kommunizieren." Geplant war das Haus als Bankfiliale, aber wer würde Darth Vader sein Geld anvertrauen? Heute sind dort Geschäfte, Büros und Praxen untergebracht. Obwohl es unter Denkmalschutz steht, wirkt es verwahrlost, auch eine Schande.

Kriegslist

Nächster Stopp: das Collegium Hungaricum, das ungarische Kulturinstitut in der Hollandstraße. Es steht auf Eugenes Liste ganz oben, weil es ein Gebäude ist wie ein Unfall, bei dem man einfach nicht wegschauen könne. Das erst in den 90er-Jahren umgebaute Gebäude wirke mit seinen schrägen Fenstern und den herausragenden Stahlkonstruktionen zwar bemüht, aber eben doch völlig daneben. "Es heischt förmlich um Aufmerksamkeit", so Eugenes amüsante Charakterisierung. Das Kulturinstitut ist ein Highlight seiner Tour. Er vermutet dahinter eine taktische Kriegslist der Ungarn, ganz nach dem Motto: "Take this, Vienna!"

Schandfleck

Den nächsten Ort unseres Spazierganges kennt zwar kaum ein Wiener, dafür Wienbesucher aus ganz Europa – es ist der Vienna International Busterminal (ViB) in Erdberg. Er ist der erste Eindruck, den Busreisende von der Stadt bekommen. Dunkel, laut, stinkig, verwahrlost. Ticketverkauf und Warteraum sind in einem blauen Container untergebracht. "Hier heißt einen nichts willkommen.

Hier hat sich kein Planer ernsthaft was überlegt, man hat den Eindruck, hier war jedem alles egal", so Eugene. An diesem Ort ist definitiv der Lack der Prachtstadt ab, von Weltoffenheit keine Rede. Allerdings sei an dieser Stelle gesagt, dass eine Neugestaltung des ViB angedacht wird.

In Pracht und Pomp zeigt sich Wien bei der letzten Station der "ugly tour", der Karlskirche, aber es geht nicht um die äußere Erscheinung, sondern ums Interieur. "Zu viel Bling-Bling und Protz, kein Konzept und keine Disziplin, einfach geschmacklos" diagnostiziert Eugene, der irisch-katholische Wurzeln hat. Würde man der äußeren Fassade gerecht werden wollen, müsste man mit Gold und Silber reduzierter umgehen und sich damit auf die wahren christlichen Werte wie Bescheidenheit und Demut konzentrieren. "Dann wäre es ein Gesamtkonzept." Zwar haben nicht alle eine Freude damit, wenn ihre Bauwerke auf Eugenes Liste stehen, aber die positive Resonanz überwiegt, was Eugene Quinn freut: "Ich liebe diese Stadt und möchte mit dem Walk ihre stylische Melancholie feiern, als Antwort auf die düstere, traurige und grantige Seite."

Die nächste " Vienna Ugly"-Tour findet am 13. Jänner um 10.30 Uhr statt. Alle Informationen dazu auf spaceandplace.at