Chronik | Wien 17.03.2012

"Meine Tochter hat unzählige Löcher im Bauchbereich"

© Bild: Gilbert Novy

Nach dem Polizei­einsatz, bei dem eine Tobende von mehreren Polizeikugeln getroffen wurde, spricht der Vater der Frau. Er verlangt lückenlose Aufklärung.

Mit zwei Messern war die Frau in ihrer Dusche auf die Polizisten losgegangen, nachdem diese nach einem vermeintlichen Brand die Tür aufgebrochen hatten. Insgesamt neun Mal feuerte am Mittwoch vor einer Woche einer der Beamten auf die Frau. Erstmals meldet sich nun der Vater des Opfers, der anonym bleiben will, zu Wort. Er sucht nach Antworten auf die Frage, was zu dieser Eskalation führte.

KURIER: Die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihrer Tochter?
Vater:
Sie schwebt weiterhin in Lebensgefahr (laut AKH ist diese nicht mehr akut, Anm.) , ist auf der untersten Skala der Lebensfähigkeit, aber stabil mit einer positiven Tendenz. Sie hat eine Unzahl an Löchern, vor allem im Bauchbereich. Hinzu kommen noch Verletzungen und Brüche an den Gliedmaßen.

Welche Krankheit hat Ihre Tochter?
Sie leidet unter einer Psychose und Angstzuständen. In letzter Zeit hat sie sich dann immer in der Dusche versteckt. Das war ihr letzter Zufluchtsort. Durch den Einsatz wurde ihr dieser genommen. Leider habe ich sie nicht bewegen können, zum Psychiater zu gehen.

Gab es schon früher Probleme mit den Behörden?
Meine Tochter hat sich öfters verbarrikadiert. Die Familie hat sie dann mit Essen versorgt. Vor zwei Jahren gab es auch einen Vorfall mit der Polizei. Nachdem sie sich vom Vortragenden eines AMS-Kurses bedrängt gefühlt hat, machte sie bei der Polizei eine Anzeige. Die Polizisten haben sie damals mit Gewalt festgenommen und an die Rettung übergeben.

Hat sich Ihre Tochter damals gewehrt?
Sie hat passiven Widerstand geleistet, indem sie sich an einer Halteverbots­tafel festgeklammert hat. Sie wurde dann auf die Baumgartner Höhe gebracht, wo sie erstversorgt wurde. Trotz meiner dringenden Bitte wurde sie aber nicht stationär aufgenommen, da es keinen Hinweis auf Selbstgefährdung oder Gefährdung anderer gab. Insgesamt war sie nie länger in Behandlung.

Panische Angst

Wann erfuhren Sie von dem tragischen Vorfall? Wen hat Ihre Tochter zuerst verständigt?
In der Früh zwischen 3.43 und 4.02 hat sie bei mir und ihrer Mutter angerufen. Sie hatte panische Angst und geschrien, dass es brennt und dass die Feuerwehr kommen muss. Im Hintergrund hörte man bereits das Wasser aus der Dusche rauschen.

Wann wurden die Einsatzkräfte alarmiert?
Um 3.55 Uhr hat sie laut Polizei selber bei der Feuerwehr angerufen. Auch die Mutter hat die Einsatzkräfte alarmiert. Angeblich ging laut der ORF-Sendung „Thema“ aber schon um 3.47 Uhr ein Notruf bei der Polizei ein. Dadurch ergeben sich für mich offene Fragen. Ich möchte wissen, ob es Verbindungen zwischen dem Nachbarn von unterhalb (ein Polizist, Anm.) und den eingreifenden Polizisten gibt. Ich möchte wissen, ob er die Polizei alarmiert hat, um sich vor dem Wasserschaden zu bewahren, und sie damit als Täterin aufgebaut hat.

Gab es schon früher Probleme mit diesem Nachbarn?
Meine Tochter hat mir und ihrer Mutter oft erzählt, dass sie Angst vor ihm habe, weil er angeblich ein Waffennarr sei. Es soll auch eine Polizeirazzia aufgrund von Waffen in der Wohnung gegeben haben. Wir haben dem aufgrund ihrer Psychose wenig Bedeutung beigemessen. Bei dem letzten Anruf bei ihrer Mutter um 4.02 Uhr sagte meine Tochter: „Er kommt, er kommt, es ist der von unten.“ Ich möchte wissen, wie dieser Einsatz zustande kam und ob auch alle Faktoren, die zur Eskalation führten, ermittelt werden.

Welche Faktoren?
Ich hoffe, dass alle aus­lösenden Faktoren untersucht werden. Ich möchte wissen, ob der Nachbar unter ihr, nachdem er den Wasserfleck bemerkte, nach oben gepumpert und sie so weiter in Panik versetzt hat. Gleichzeitig möchte ich sagen, dass ich volles Ver­trauen in die Organe der Republik habe, dass der Tathergang und die Vorgeschichte lückenlos aufgeklärt werden. Auch möchte ich mich bei den AKH-Ärzten rund um Klaus Markstaller bedanken, die um das Leben meiner Tochter kämpfen.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

  • Interview

  • Hintergrund

Erstellt am 17.03.2012