Chronik | Wien
25.05.2018

„Mathematik-Zentralmatura in Pflicht und Kür aufteilen“

Rudolf Taschner plädiert dafür, die Zentralmatura neu aufzubereiten, um neue Motivation zu bringen

Rudolf Taschner ist 65 Jahre alt, er hat Mathematik und Physiker an der Universität Wien studiert. Er ist außerdem Autor und Abgeordneter zum Nationalrat (ÖVP).

KURIER: Was ist das Problem bei der Mathematik-Zentralmatura? Taschner: Es wäre klug, wenn man die schriftliche Prüfung teilen würde. Die erste Hälfte sollte ein zentraler Teil sein, der von allen positiv bewältigbar ist. Es sollte das Mindestmaß sein, das junge Leute erreichen müssen. Die zweite Hälfte sollte von Lehrern erstellt werden, die in diesem Teil zeigen können, was sie mit ihren Schülern gelernt haben und was diese besonders gut können. Es wäre damit ein Pflicht- und ein Kürteil.

Und wer würde den ersten Teil zusammenstellen?

Ich würde ihn von Menschen zusammenstellen lassen, die dann die jungen Menschen aufnehmen; also von Experten der Industriellenvereinigung, der Wirtschaftskammer, der Arbeiterkammer, der Universitäten. Die sollen sagen, was sie von jungen Menschen erwarten, was sie können sollen, was dann auch in der Realität gebraucht wird. Dann kommen Mathematikbeispiele zustande, die auch wirklich gelöst werden können und gebraucht werden.

Was wird jetzt abgefragt?

Manche Fragen sind derzeit so gestellt, dass sie Fallen enthalten. Und wer nicht genau liest, tappt in die Falle. Es wird nicht das Können getestet, sondern nur, ob man die Falle erkennt. Das gehört vermieden.

Was macht die Mathematik Ihrer Meinung nach aus?

Man muss dem Fach wieder seine Bedeutung geben. Mathematik besteht nicht aus Kompetenzen, sondern ist eine große Wissenschaft. Es ist wie ein großes Bild aus Mosaiksteinchen. Bei den Maturaufgaben sieht man aber weniger ein Mosaik, eher ein Schotterfeld. Das macht meiner Meinung nach weder den Unterrichtenden noch den Lernenden eine Freude.

Was müsste am Unterricht verändert werden?

Sobald ein Lehrer auf der einen Seite auf die Persönlichkeit jedes Schülers eingeht und auf der anderen Seite von seinem Fach überzeugt ist, dann ist schon alles gewonnen. Das spüren Kinder sofort.

Und wie sieht es derzeit in den Schulen aus?

Ich glaube, Lehrer wollen nicht bloß Trainer für Matura-Aufgaben sein. Sie wollen mehr vermitteln, als in Kompetenzlisten steht. Das ist nicht das Gelbe vom Ei. Das ist, als würden im Lateinunterricht nur die unregelmäßigen Verben abgeprüft werden oder im Musikunterricht nur die Tonleitern. Das würde auch keinen Spaß machen. Diese Gefahr besteht beim Mathematikunterricht schon. Das ist für Lehrer nicht schön und für Kinder eine vergebene Liebesmüh’. Das Rechnen führt zur Mathematik. Wer auf dem Rechnen hocken bleibt, hat nicht Mathematik gelernt.

Hat sich das Niveau der Schüler verändert?

Das hat man schon bei den Alten Ägyptern gesagt, dass die Jungen nichts können. Dem würde ich nicht zustimmen. Sie haben einfach andere Fertigkeiten. Und man darf sich nicht auf die elektronischen Geräte verlassen. Man glaubt, der Computer macht alles, aber das ist, als würde man im Englischen aufhören, Vokabeln zu lernen.