Chronik | Wien
08.02.2012

Malaria-Opfer lässt Klage prüfen

Opfer-Anwalt Öhlböck will die Malaria-Versuche an einem ehemaligen Heimkind vor Gericht bringen.

Das ehemalige Heimkind Wilhelm J. erhob am Montag schwere Vorwürfe gegen die Wiener Uni-Klinik. Der heute 63-Jährige soll 1964 von Ärzten der Klinik mit Malaria infiziert worden sein. Unklar ist noch, ob zur Behandlung der von einem Psychologen diagnostizierten „Psychopathie“, oder zur Züchtung der Krankheitserreger.

Wilhelm J. hat sich an den Wiener Anwalt Johannes Öhlböck gewandt, der bereits mehrere ehemalige Heimkinder rechtlich vertritt. „Der wichtigste Punkt ist, alle Akten herbeizuschaffen“, sagt Öhlböck. Der Jurist will Heim- und Krankenakten, so vorhanden, sichten. „Dann stellt sich die Frage der Verantwortung“, erklärt der Anwalt. Für ihn kommen entweder die Stadt Wien als Trägerin des Spitals oder die Republik Österreich als übergeordnete Stelle der Universitätsklinik infrage. „Und dann gilt es, Ansprüche geltend zu machen.“

Problematisch könnte die Frage der Verjährung werden. „Das ist dasselbe Problem wie bei anderen Spielarten, wie man mit Heimkindern umgegangen ist“, sagt Öhlböck. „Egal ob es sich um psychische oder physische Gewalt oder um Missbrauch gehandelt hat.“ So etwa dürfe nicht verjähren, meint der Anwalt.

Der Leiter der sozialpsychiatrischen Abteilung der Uni-Klinik, Johannes Wancata, will nun Ärzte, die in den 1960er-Jahren an der Uni-Klinik gearbeitet haben, hinzuziehen. „Diese Kollegen sind schon vor 10 oder 15 Jahren in Pension gegangen. Es wird also einige Zeit dauern, bis wir sie gefunden haben“, sagt Wancata. Er geht von etwa zwei bis fünf Wochen aus.

Krisenteam

„Wir haben ein Krisenteam eingerichtet“, sagt Dr. Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Er hofft, dass sich Betroffene in der Klinik

melden, um sich untersuchen zu lassen. „Ich werde mich als Klinikvorstand persönlich um die Menschen kümmern“, sagt Kasper. Er stehe auch für telefonische Anfragen zur Verfügung:  01/40400-3568 .

Bei Wilhelm J. hat sich von der Wiener Uni-Klinik bis dato niemand gemeldet. Schon am Montag hat der 63-Jährige angegeben, noch heute an den Folgen dieser Malaria-Therapie zu leiden. „Ich habe oft völlig unangekündigte Fieberschübe und Schweißausbrüche. Nach 24 Stunden sind sie dann einfach wieder vorbei“, schildert J. Tropenmediziner bezweifeln allerdings, dass Folgen von Malaria auch noch Jahrzehnte nach der Infizierung auftreten können.

Wilhelm J. hofft in der Zwischenzeit, dass durch seinen Gang in die Öffentlichkeit mehrere junge Menschen, mit denen er damals auf der Station gelegen ist, den Mut fassen, sich zu melden. „Das ist mein größter Wunsch.“

Ob der 63-Jährige eine Entschädigung von der Opferschutzorganisation Weisser Ring erhält, ist noch unklar.

Therapie: Kampf gegen die Syphilis

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Endstadium der Syphilis mit der sogenannten Malaria- Therapie behandelt. Dazu wurde den Patienten gezielt einer der vier Malaria-Stämme gespritzt, um Fieberschübe auszulösen. In den 1960er-Jahren war diese Methode bereits überholt. Zur Behandlung von psychischen Krankheiten standen bereits erste Psychopharmaka zur Verfügung. In der NS-Zeit galt die Diagnose „Psychopathie“ als Todesurteil. Heute würde diese Krankheit am ehesten einer Persönlichkeitsstörung gleichkommen.

Mehr zum Thema

  • Hintergrund

  • Blog

  • Hintergrund