Macht und Mythos: Das Amt der Wiener Wohnbaustadträtin
Ist man erst einmal Wiener Wohnbaustadträtin geworden, ist man fast ganz oben angekommen. Das Amt ist Sprungbrett für weit mehr: Bürgermeister, ja sogar Bundeskanzler sind aus dem Wiener Wohnbauressort hervorgekommen.
Für die derzeitige Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál (SPÖ) aber endet die politische Laufbahn genau mit diesem Amt. Am Montag gab sie überraschend bekannt, dass sie sich aus der Politik zurückziehen werde. Mit ihrem Rückzug kam es zum Bruch im Mythos um das Amt der mächtigen Wiener Wohnbaustadträtin bzw. des mächtigen Wohnbaustadtrates.
Mediale Macht
Normalerweise schaffen es die Wohnbaustadträte bis ganz nach oben. Begründet wurde dieses Bild unter Werner Faymann, der zwischen 1994 und 2007 Wohnbaustadtrat war, sagt Politikwissenschaftler Thomas Hofer. Faymann habe Budgetmittel eingesetzt und das Wohnbauressort somit auch zu einer medialen Macht gemacht. „Das war die Basis, die ihm später zum Amt des Bundeskanzlers verhalf“, sagt Hofer. Und er war nicht der Einzige: „Der jetzige Bürgermeister Michael Ludwig hat das gut fortgesetzt.“ Ihm verhalf das Prestige des Wohnbauressorts zum Sieg im Duell mit Andreas Schieder um die Nachfolge vom damaligen Bürgermeister Michael Häupl.
Aber auch historisch betrachtet ist der Wohnbau in Wien von Bedeutung. Schon 1918 begann die Gemeinde mit der Errichtung von Gemeindebauten, um das Wohnelend zu lindern. Weitgehend beseitigt werden konnte der Wohnhausmangel dann in den 1970er-Jahren. Eine Erfolgsgeschichte mit Folgewirkung. Bis heute ist der Wohnbau eine wesentliche Säule der Wiener Stadtpolitik und der Identität der Wiener SPÖ.
Gaál verkündete ihren Rücktritt, Hanel-Torsch wird folgen.
In Zahlen gegossen sieht das folgendermaßen aus:
Insgesamt 1.800 Gemeindebauten mit über 220.000 Wohnungen gibt es derzeit in Wien. Eine halbe Million Wienerinnen und Wiener lebt darin. Das Aufgabengebiet der Wohnstadträtin ist dementsprechend umfangreich: Neben Wiener Wohnen gehören unter anderem die Baupolizei (MA 37), die Wohnbauförderung (MA 50) oder das Immobilienmanagement (MA 69) – das für die Umsetzung der Immobilienstrategie der Stadt verantwortlich ist – in ihr Ressort.
Mit einer derartigen Apparatur im Hintergrund habe es der Macht auch keinen Abbruch getan, dass Kathrin Gaál die Ausübung ihres Amtes etwas anders angelegt habe als ihre Vorgänger, sagt Hofer. Sie zeigte sich ruhiger, medial weniger im Fokus. „Sie war nicht die Marktschreierische, deshalb sollte man ihre Rolle aber nicht unterschätzen“, so Hofer. Sie fungierte als Bindeglied zwischen den Parteien und hatte eine wichtige Funktion in Richtung der Flächenbezirke. Etwas, womit die künftige Wohnbaustadträtin, Elke Hanel-Torsch, die Ende März von Gaál übernehmen wird, nicht aufwarten kann.
Geschichte
Im Jahr 1918 begann die Gemeinde Wien mit der Errichtung von Gemeindebauten. Im Jahr 2004 wurde der vorerst letzte Gemeindebau errichtet.
Wiederaufnahme
2015 begann die Gemeinde aufgrund der Nachfrage nach günstigem Wohnraum neue Gemeindebauten zu errichten. 1.907 Wohnungen sind seitdem in zehn Bezirken fertiggestellt worden. Neun weitere Gemeindebauten mit über 1.000 Wohnungen sind in Bau.
Die neue Stadträtin
Innerparteilich werde sich die neue Stadträtin ihren Platz also erst erkämpfen müssen, sagt Hofer. Gleichzeitig muss sie auf ein sehr wichtiges Ressort achten – das derzeit vor vielen Herausforderungen steht. Steigende Mieten, sinkende Bautätigkeit, eine wachsende Bevölkerungszahl und ein angespanntes Budget. Viele dieser Probleme sind Folgen von internationalen Entwicklungen und nicht von der Stadt allein zu lösen. „Die Aufgabe der neuen Wohnbaustadträtin wird es deshalb sein, zu schauen, dass das Thema Wohnen in Wien nicht explodiert. Also dass es nicht wahlentscheidend wird, im negativen Sinn“, sagt Hofer.
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