Glückliche  Lernhauskinder: Weil sie am Nachmittag Unterstützung beim Hausübungen machen erhalten, kommen sie in der Schule besser mit.

© KURIER/Franz Gruber

Lernhaus
10/05/2015

Privatunterricht für jedes Kind

Warum diese Form der Nachhilfe für Schüler besonders effektiv ist, erklärt Bildungsforscher Hopmann.

von Ute Brühl

Eine wunderbare Sache – so beurteilen nicht nur die Kinder und Eltern das KURIER-Lernhaus. Auch Bildungsforscher wie Stephan Hopmann loben das Projekt. Warum? "Hier haben Kinder eine Bezugsperson, die ihnen beim Lernen hilft. Diese Beziehung zwischen Schüler und dem Erwachsenen ist das Geheimnis des Erfolges."

Dass die Bande zwischen Kindern und Betreuern eng sind, bestätigt Lernhaus-Leiterin Sabine Kickinger: "Sobald einmal jemand nicht da ist, fällt das den Kindern sofort auf. Wir sind hier fast wie eine Familie", sagt sie.

21 Volksschulkinder betreuen sie und ein Team aus Freiwilligen am Nachmittag. Am frühen Abend kommen dann die "Großen" in die Schwendergasse in Wiens 15. Bezirk: 36 Schüler einer Neuen Mittelschule, die hier Hilfe beim Lernen erhalten.

Unter den Volksschulkindern sind heuer fünf neue Buben und Mädchen. Zwei davon stammen aus Syrien, eines aus Afghanistan: "Sie sind erst seit zehn Monaten in Österreich und sprechen schon perfekt Deutsch", berichtet Kickinger stolz.

Über einen weiteren Erfolg dürfen sich die Lernhaus-Betreuer zudem freuen: Einer ihrer Schützlinge hat in diesem Sommer den Sprung ins Gymnasium geschafft.

Kein Doppelslalom

Möglich ist das alles, weil in dieser Einrichtung auf jedes einzelne Kind gezielt eingegangen werden kann. Zudem wird hier eng mit der Schule zusammengearbeitet. Für Bildungswissenschaftler Hopmann liegt genau darin der Vorteil: "Die Kinder müssen hier keinen Doppelslalom fahren", beschreibt er das. Heißt: "Die Nachhilfe orientiert sich daran, was in der Schule geschieht. Das ist viel besser als Nachhilfe, bei der Kinder aus verschiedenen Schulen zusammengefasst werden."

In der Schwendergasse haben die Helfer zudem Zeit, in die Lebenswelt eines jeden Kindes einzutauchen und der Frage nachzugehen: "Wo ist dein Problem? Warum verstehst du etwas nicht?" Manchmal sind es nämlich ganz profane Dinge, an denen Schülerinnen und Schüler scheitern. Wer sich zum Beispiel unter dem Wort "Regal" nichts vorstellen kann, der versteht nicht, was er liest und was der Satz, der da steht, heißen soll. "Deshalb ist es gerade beim Lesen-Lernen so wichtig, dass das Kind von einer Einzelperson begleitet wird", sagt Hopmann, der auch die Lesepaten lobt, die in vielen Schulen die Lehrer unterstützen.

Dass die Lernhäuser und ähnliche Initiativen (siehe rechts) so erfolgreich sind, hat neben der engen Beziehung zwischen Kind und Betreuer noch weitere Gründe: Die Unterstützung ist kontinuierlich, und sie setzt die Ressourcen dort ein, wo sie am dringendsten sind – bei den Kindern, deren Eltern sich eine private Nachhilfe nicht leisten können.

Das Wiener Lernhaus war das erste – mittlerweile gibt es auch in Niederösterreich einige Häuser: In St. Pölten, Neunkirchen und Gänserndorf, wo heuer eine zweite Gruppe eröffnet wurde.

KURIER.at/lernhaus

Wo Schülern noch geholfen wird

Hilfe bei der Hausübung bekommen Schüler nicht nur im Lernhaus. Es gibt zahlreiche Privatinitiativen in Wien.

talentify.me Das Sozial-Start-up-Unternehmen bringt Schüler mit Schülern über eine online-Plattform zusammen. Ältere machen gemeinsam mit jüngeren Schülern Hausaufgaben und üben für die nächste Schularbeit. Zudem findet ein Austausch zwischen Kindern aus höheren Schulen und Neuen Mittelschulen statt, der weit übers Lernen hinaus geht: www.talentify.me.

Lerncafés Die Caritas hat in Favoriten sowie in Niederösterreich Einrichtungen eröffnet, wo Kinder zwischen sechs und 15 Jahren Nachhilfe bekommen. Auch hier sind vor allem ehrenamtliche Helfer aktiv: www.caritas-wien.at.

Lerntafel Nach dem großen Erfolg in Simmering wurde im September ein weiterer Standort in Kagran im 22. Bezirk eröffnet: www.lerntafel.at.

Interface Wien Kurse im 5. Bezirk für Schüler der Volksschule, NMS und Oberstufe, kleiner Unkostenbeitrag: interface-wien.at.

Nachbarinnen in Wien Bei diesem preisgekrönten Projekt unterstützen Migrantinnen Migrantinnen. Das Hauptaugenmerk der Brigittenauer Organisation liegt auf der Schulbildung der Kinder sowie auf Hilfe zur Selbsthilfe. Lernbetreuung wird ebenfalls – gegen einen Unkostenbeitrag – angeboten:www.nachbarinnen.at.

Freispiel Ein Projekt, das Volksschulkinder aus benachteiligten Familien fördert: Freiwillige gehen in Horte, um beim Lernen zu helfen: www.freispiel.wien.at.