Chronik | Wien 27.01.2015

"Krebsheiler" leugnet "Hokuspokus"

Der 77-Jährige redet auch vor Gericht ohne Punkt und Komma © Bild: KURIER/Gerhard Deutsch

Abgelaufene Schöllkraut-Ampullen umetikettiert und Patienten als frisches Präparat verkauft.

Mitten in seiner Einvernahme bittet der Angeklagte, der mit dem von ihm erfundenen Schöllkraut-Mittel "Ukrain" angeblich Krebs heilen kann, um Wasser. Darauf ist man im Wiener Landesgericht nicht vorbereitet. Auch seine Verteidiger, immerhin zu zweit (Peter Philipp und Adrian Hollaender), sind mit solchem Ansinnen überfordert. Ein Mann aus dem Publikum reicht dem Dürstenden eine Mineralwasserflasche: "Stilles, reines Wasser", sagt er dazu.

Jetzt kann sich der wegen Betruges angeklagte gebürtige Ukrainer Dr. Wassil Nowicky weiter in Fahrt reden. Über die 300 Fachpublikationen. Über die 300 Kongresse, auf denen er referierte – "und dort kann man sich keinen Hokuspokus erlauben." Und über die Studien, nach denen 75 Prozent der mit seinem Präparat behandelten Patienten nach 12 Jahren noch am Leben gewesen seien, während das nur bei 45 Prozent der herkömmlich mit Chemotherapie Behandelten zugetroffen habe. Schließlich noch über "seine" Geretteten, wie die krebskranke Mutter eines Zuhörers im Saal, die in den 1990er-Jahren von den Ärzten aufgegeben worden sei und heute, mit 88, noch lebe. Wobei Nowicky zugesteht, dass sein Präparat nicht bei jedem anschlägt. Allerdings habe er sich damit auch selbst geheilt ...

Erprobtes Mittel

Ukrain
Ukrain, Wassil Nowicky © Bild: /Bundeskriminalamt
Aber darum geht es in dem Prozess gar nicht mehr. Der Arzneimittel-Beirat im Gesundheitsministerium bestätigt die gute Verträglichkeit des "erprobten" Mittels. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren wegen Täuschung von Patienten über die Wirksamkeit der Injektionslösung "Ukrain" eingestellt. Ein hoher Beamter im Wissenschaftsministerium erklärt, er kenne selbst mehr als 50 Krebspatienten, die nachweislich geheilt worden seien. Als reinen Scharlatan darf man den Chemiker also nicht bezeichnen.

Der 77-Jährige kämpft seit 1976 erfolglos um die Zulassung von "Ukrain" in Österreich als Medikament. In den USA, Japan, der Ukraine, Australien und auf Malta ist es zugelassen, hier aber darf er es nicht verkaufen.

Jahrelang tat er es dennoch, 2012 fanden 26 Razzien an seinem Firmensitz in Wien-Wieden statt, Nowicky kam vorübergehend in U-Haft: "Ich war als Kind im KZ", sagt er, "und konnte nicht glauben, dass so was bei uns passieren kann."

Übrig geblieben ist jetzt – Etikettenschwindel. Für den Ankläger ist es schwerer gewerbsmäßiger Betrug. Weil die Behörde alle frischen Ampullen beschlagnahmt hat, griff Nowicky auf fünf Jahre alte Lagerbestände zurück, klebte ein neues Ablaufdatum darauf und verkaufte 17.000 Ampullen mit 1,1 Millionen Euro Erlös als neu. "Die Wirkung ist dieselbe", sagt Nowicky, "wer sollte das besser wissen als ich als Produzent. Es sind alkaloide Salze und die verderben nicht."

Daneben wirft man Nowicky noch vor, versucht zu haben, die Republik zu betrügen. In seiner Amtshaftungsklage wegen der konfiszierten Ampullen bezifferte er den Wert einer Ampulle mit 145 Euro, verkauft hatte er sie aber um 77 Euro. Darin sei nicht die Arbeitsleistung enthalten, sagt Nowicky, der persönlich im Prater tonnenweise Schöllkraut gesammelt haben will.

Das Ei der Königin

Wovon er denn gelebt habe, bei all seiner Großzügigkeit, will Richterin Marion Hohenecker wissen. Vom Verkauf seiner Antiquitäten, sagt der Angeklagte und berichtet über 64 Fabergé-Eier: "50 sind im Museum, eines hat die Königin von England, eines die Königin von Dänemark..." Die Richterin unterbricht: "Ich will nicht wissen, wie viel Eier die Königin von England hat, wie viele Eier haben Sie?" – "Eines."

Auch mit dem Verkauf seines Buches "Krebsmittel Ukrain, Kriminalgeschichte einer Verhinderung" hat er sicher viel Geld verdient. Vor dem Verhandlungssaal macht Nowicky gleich wieder Werbung dafür.

Urteil am Mittwoch.

Erstellt am 27.01.2015