Chronik | Wien
14.03.2016

Krankenhaus Nord: Ärztechef für Baustopp

Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres fordert nach der Kostenexplosion den Ausstieg aus dem Projekt.

Das Krankenhaus Nord ist eine ewige Baustelle. Ursprünglich sollte das neue Schwerpunktspital in Floridsdorf mit 785 Betten im Jahr 2016 eröffnet werden – doch davon ist man weit entfernt. Ein letztes Update gab es kurz nach der Wien-Wahl. Statt den einst 825 Millionen Euro stiegen die Gesamtkosten mittlerweile auf stolze 1,09 Milliarden Euro. Neuer Fertigstellungstermin soll Ende 2017 sein, eine Übersiedelung der Abteilungen aus den anderen Spitälern soll erst 2018 erfolgen. Damit liegt man bereits mehr als zwei Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan. Was aber noch schwerer wiegt: Die Kosten pro Spitalsbett schnellen in die Höhe.

Bei Wiens Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres schrillen die Alarmglocken. Denn vor Kurzem erst wurde das komplette Projektmanagement des Spitals ausgetauscht. "Ein Wechsel der Projektsteuerung mitten im Bau eines solchen Großprojekts ist mehr als bedenklich, denn damit müssen alte Verträge abgegolten und gleichzeitig auch neue bezahlt werden", sagt Szekeres. Damit sei das Krankenhaus Nord schon jetzt ein "finanzielles Fiasko".

Zahlenvergleich

Tatsächlich ist das Krankenhaus Nord bezogen auf die Bettenzahl weit teurer als vergleichbare Krankenhäuser in Deutschland. Egal, ob Bremen, Heidelberg oder Göttingen. Alle jüngsten Bauprojekte dort hatten einen Bettenpreis zwischen 400.000 und 500.000 Euro. Aber auch in Österreich wurde billiger gebaut. So hat das 2004 errichtete Krankenhaus in Vöcklabruck mit 560 Betten in Summe 295 Millionen Euro gekostet, also 527.000 Euro pro Bett.

"Das zeigt, dass man heute mit 600.000 bis 700.000 Euro pro Bett für ein Schwerpunktkrankenhaus rechnen kann", sagt ein Spitalsbauexperte mit langjähriger Erfahrung. Er will aufgrund der Brisanz anonym bleiben, weißt aber darauf hin, dass schon in der ursprünglichen Kalkulation der Preis pro Bett sehr hoch ist.

Mit dem Stand von November 2015 kostet ein Bett im Krankenhaus Nord nun schon knapp 1,4 Millionen Euro – also fast drei Mal so viel wie in Deutschland. "Das Krankenhaus Nord bleibt ein Fass ohne Boden", kommentiert Szekeres die Zahlen. Denn weitere Verteuerungen könne man nicht ausschließen. "Angesichts dessen sollte man sich überlegen, ob man nicht besser die Handbremse zieht", sagt Szekeres. Für den Rohbau könnte er sich auch eine andere Verwendung vorstellen (siehe Interview rechts).

"Hochgradig unseriös"

Beim Krankenanstaltenverbund (KAV) sieht man das anders. "Die Kosten anhand der Betten zu vergleichen, ist hochgradig unseriös", entgegnet eine Sprecherin. Denn man müsse auch sehen, welche Abteilungen in das Krankenhaus kommen. "Wir haben eine starken chirurgischen Schwerpunkt, Sonderpflegebereiche, eine Rettungsstation und einen großen Hubschrauberlandeplatz." Dazu komme, dass man einen Großteil der medizinischen Geräte neu kaufen müsse, viele Zwei-Bett-Zimmer habe und auch die Grundstückskosten in der Summe miteinberechnet seien.

Dass die Mehrkosten bei anderen Spitälern eingespart werden könnten, wie Szekeres vermutet, bezeichnet die Sprecherin als "absoluten Blödsinn". Auch werde das Spital sicher fertig gebaut, "ein Umschwenken am halben Weg wäre kontraproduktiv".

Das sieht auch der Spitalsbauexperte so. "Das Spital muss man jetzt fertig bauen. Dafür wurde schon zu viel investiert." Wie viel man noch investieren muss, sei heute nicht absehbar.

Besser Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende

KURIER: Herr Szekeres, Sie fordern einen sofortigen Baustopp für das Krankenhaus Nord. Doch wäre das nicht erst recht eine Verschleuderung von Steuergeld? Denn was soll man mit einem halbfertigen Spitalsbau sonst machen?

Ärztekammer-Chef Thomas Szekeres: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Denn die Ausgaben liegen bereits jetzt bei 154 Prozent der ursprünglichen Kalkulation. Das ist ein Fass ohne Boden. Der teuerste Teil des Spitals wird ja jetzt erst gerade gebaut, nämlich die Spitalsausstattung. Das Geld, das hier ausgegeben wird, spart die Stadt im Betrieb der restlichen Spitäler ein.

Dennoch, die Stadt wächst rasant, gerade in den Flächenbezirken Donaustadt und Floridsdorf ziehen Tausende zu. Das wird alleine mit dem Donauspital nicht zu stemmen sein.

Wir haben sowieso relativ viele Betten in Wien. Man kann auch existierende Spitäler, wie das AKH, ausbauen. Platz dafür wäre dort vorhanden. Auch das Donauspital wurde so konzipiert, dass man es weiter ausbauen könnte.

Nur ist das Gebäude des Krankenhauses Nord so gut wie fertig. Wie sollte man das dann sonst nutzen?

Da gäbe es mehrere Optionen, man könnte etwa ein Altenpflegeheim oder ein Geriatriezentrum einrichten. Das wäre viel billiger.

Es ist bekannt, dass sie und die Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely nicht unbedingt eine Gesprächsbasis haben. Spielt das bei ihrer Forderung mit?

Nein. Es stimmt, dass wir seit über einem Jahr keinen persönlichen Kontakt gehabt haben. Doch das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass die Gesundheitsversorgung in Wien funktioniert.