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Chronik Wien
12/05/2011

Kochen in der Gruft für 200 Gäste

Mitarbeiter von verschiedenen Firmen bereiten regelmäßig Abendessen für Obdachlose zu. Der Andrang ist enorm.

von Josef Gebhard

Selber Kochen ist nicht so meins", erzählt Peter T., der in einer betreuten Wohnung lebt. Deshalb kommt er mehrmals pro Woche zum Essen in die Gruft in Mariahilf. Wiens wohl bekannteste Einrichtung für obdachlose Menschen feiert im November ihren 25. Geburtstag.

Vergangenen Freitagabend bildete sich wieder einmal eine lange Schlange vor der Essensausgabe. "Denn wenn ein Kochteam da ist, ist das Essen besonders gut", sagt Peter, während er sich sein Putengeschnetzeltes schmecken lässt. Regelmäßig besuchen Mitarbeiter von verschiedenen Firmen die Gruft und bereiten ein Abendessen für bis zu 200 Personen zu. Diesmal stellte sich ein Team von Raiffeisen hinter den Herd. Seit 2006 beteiligen sich Mitarbeiter der Bank an dieser Aktion und haben bereits 160-mal in der Gruft gekocht.

"Meine Einstellung zum Thema Obdachlosigkeit hat sich völlig geändert", sagt Brigitta Neuberger, die im Marketing arbeitet. "Früher war mir nicht bewusst, dass es so viele Betroffene gibt."

18 Kilo Fleisch

Auf die ehrenamtlichen Köche wartet auch diesmal eine beachtliche logistische Herausforderung, was sich bereits an der Zutatenliste ablesen lässt: Unter anderem wandern an diesem Abend 18 Kilo Putenfleisch, zehn Kilo Reis sowie je fünf Kilo Karotten und Zucchini in den Kochtopf. "Das ist schon etwa anderes, als für einen Zwei-Personen-Haushalt zu kochen. Es macht trotzdem sehr viel Spaß, schließlich lernt man dabei auch andere Mitarbeiter näher kennen", sagt Neuberger.

"Wir spüren eine deutliche Zunahme des Problems Obdachlosigkeit, einfach weil sich Armut immer mehr ausbreitet", sagt Susanne Peter, Leiterin des Sozialarbeiter-Teams in der Gruft.

2005 haben Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad und der damalige KURIER-Herausgeber Peter Rabl die "Kardinal Franz König Patenschaft" für die Gruft ins Leben gerufen. Seitdem konnten rund 200.000 Euro für die Menschen dort gesammelt werden. "Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, in der am Elend vorbeigeschaut wird. In unserer Gesellschaft gibt es zu viel Ungerechtigkeit. Die Patenschaft ist der Versuch eines kleinen Ausgleichs", betont Konrad.

"Mit einem leeren Bauch kann man das eigene Leben schwer wieder in den Griff bekommen. Wir wollen gemeinsam Menschen in der akuten Not konkret unterstützen und Hilfe zur Selbsthilfe leisten", sagen KURIER-Chefredakteur Helmut Brandstätter und Erwin Hameseder, Generaldirektor von Raiffeisen Wien-NÖ.

Gruft: Mehr als eine Schlafstelle

Geschichte Im Winter 1986/87 wurde auf Initiative des Pfarrers der Mariahilfer Kirche, Pater Albert Gabriel, in einem kleinen Raum im Keller eine Wärmestube für Obdachlose errichtet. Später wurden sowohl die Räumlichkeiten als auch das Betreuungsangebot ausgeweitet.

Angebote Wohnungslose erhalten in der Gruft ein warmes Essen, eine Übernachtungsmöglichkeit (es gibt bis zu 120 Schlafplätze), saubere Kleidung und eine Duschgelegenheit. Darüber hinaus stehen Sozialarbeiter, Mediziner, Psychotherapeuten und Psychiater zur Verfügung.