Wir haben uns Hals über Kopf verliebt: Jusstudent Philipp Korotin drückte sich vor Gericht sehr höflich aus, sich selbst beschrieb er als zärtlich und liebevoll.

© KURIER /gnedt martin

Nach Urteil
03/06/2014

Knalleffekt im Mordfall Steffi P.

Zwei Zeugenaussagen, DNA-Spuren und ein Gutachten deuten auf andere Täter hin.

Am 11. Mai 2011 wurde der ehemalige Jusstudent Philipp Korotin von den Geschworenen am Wiener Landesgericht einstimmig wegen Mordes verurteilt. Er hat seine "Nebenfreundin" Stefanie P. in der Auhofstraße ermordet und zerstückelt, lautete der Urteilsspruch.

Doch das könnte ein Fehlurteil gewesen sein.

Zwei neue Zeugenaussagen, eine DNA-Spur und ein Gutachten des bekannten Gerichtspsychiaters Reinhard Haller – die dem KURIER und dem Nachrichtenmagazin News exklusiv vorliegen – deuten daraufhin, dass sich das spektakuläre Verbrechen womöglich ganz anders abgespielt hat. "Wäre das alles beim Prozess so vorgelegen, dann hätte ich einen Freispruch garantieren können", ist sich Korotin-Anwalt Nikolaus Rast sicher. Denn neue Details versprechen Spannung wie in einer Folge Columbo oder CSI Miami.

Korotin betonte im Prozess, dass er nicht wisse, wer die 21-jährige P. getötet habe. Er sei in der Früh aus einem Delirium aufgewacht und habe die mit mehr als 200 Stichen übersäte und zerteilte Leiche nur am Morgen im Müll entsorgt.

Eine der neuen Zeugenaussagen stammt ausgerechnet vom Nebenbuhler von Korotin um die Gunst der jungen Frau. Dieser sagt nun in einer von einer renommierten Detektei aufgezeichneten Gespräch, dass, kurz bevor die Polizei vor Ort war, ein Rucksack aus dem Wohnhaus geworfen wurde. Ein junger Mann und eine junge Frau ("die sahen wie Drogensüchtige aus") haben diesen an sich genommen und seien dann davon gelaufen.

Zwei DNA-Spuren

Das stimmt wiederum überein mit zwei Gummihandschuhen, die neben den Leichenteilen im Hausmüll gefunden wurden – auf diesen ist die DNA von P. sowie von einem unbekannten Mann und einer unbekannten Frau. Diese DNA-Spuren bekommen damit plötzlich ein ganz anderes Gewicht.

Doch was hätte das Paar in der Wohnung gesucht? Von Anfang an gab es Vermutungen, die Bluttat sei gefilmt worden. Dafür spricht auch, dass ein eckiger Teil der Matratze am Fußende nicht von Blut getränkt war. Dort war offenbar etwas gestanden. Vielleicht eine Kamera?

Damit kommt ein weiterer Zeuge ins Spiel, der bei dem Prozess im Jahre 2011 nicht ausgesagt hat. In einer vor wenigen Tagen unterschriebenen eidesstattlichen Erklärung gibt dieser an, dass P. eine Art Pornovideo für das Internet drehen wollte. Mitorganisator sollte ein Mann sein, der später als Kronzeuge ins Spiel kommt und vor Gericht angab, P. nicht gekannt zu haben. Sogar von einem angeblichen Tötungsplan an der jungen Studentin habe er vor der Tat gehört, behauptet der neue Zeuge. Er habe P. deshalb eindringlich gewarnt.

Tötung auf Video

Der merkwürdigen Zufälle nicht genug, ist im Internet mittlerweile ein Video aufgetaucht, das die Tötung eines Mannes zeigt. Die Details sind grauenhaft, aber fast ident mit jenen 200 Stichwunden, die P. aufweist. Die Messerschnitte und -stiche wurden gleich ausgeführt. Dieses so genannte Snuff-Video schaut echt aus. Vor Jahren hatte der Spiegel bereits berichtet, dass es in Deutschland eine Szene gibt, die für solche Videos bezahlt.

Der Kronzeuge, der Teile seines Lebens laut eigenen Angaben im Rotlicht in Norddeutschland verbracht hat, beschäftigt sich auf seiner Facebookseite auf jeden Fall noch immer mit der Bluttat. Erst vor einigen Monaten postete er dort: "Die ,Auftraggeber’ haben große Kasse gemacht und laufen frei rum, während einer den Rest seines Lebens in einem räudigen, abgefuckten Knast verbringen muss." Und: "Korotin ist das Werkzeug des Teufels, aber ihm alleine gebührt die Ehre nicht."

Am Freitag: Verschwundene Beweise und das neue Gutachten.

Anwalt: "Ich würde einen Freispruch garantieren"

KURIER: Nun sind neue Beweise und Zeugenaussagen in dem spektakulären Fall aufgetaucht. Was gibt es jetzt für rechtliche Möglichkeiten?

Rast: Ich werde die neuen Unterlagen jetzt mit dem 2000-seitigen Gerichtsakt vergleichen. Dann werde ich wohl einen Wiederaufnahmeantrag stellen. Anschließend könnte es einen neuen Prozess geben. Es ist aber auch möglich, dass die Staatsanwaltschaft von sich aus das Verfahren wieder eröffnet.

Warum tauchen diese Beweise erst jetzt auf?

Es hat ziemlich früh ein falsches Geständnis gegeben. Mein Mandant hat das aber nach wenigen Tagen widerrufen und danach immer die Wahrheit gesagt. Manchen Spuren hätte man vielleicht mehr nachgehen können, aber bei einem Geständnis ist das immer so eine Sache.

Glauben Sie, dass es einen Freispruch geben kann?

Wenn alle diese Beweise beim ersten Prozess genau so vorgelegen wären, dann würde ich einen Freispruch beinahe garantieren.

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