Chronik | Wien
12.10.2013

"Kaffeehaus ist ein Ort der Inspiration"

Eine Tradition, die nicht ausstirbt: Auch heute noch findet man Literaten und Künstler im Café.

10 Uhr morgens im Café Prückel. Für diese Uhrzeit hatte Robert Schindel monatelang einen Platz im Kaffeehaus bestellt, um sich der Arbeit an seinem Roman „Der Kalte“ zu widmen.

Denn die Arbeit als Schriftsteller erfordere viel Selbstdisziplin. „Man muss sich ein bisschen dazu zwingen.“ Wenn der Tisch reserviert war, sah sich Schindel eher dazu verpflichtet, auch wirklich zu kommen und weiterzuarbeiten.

Auch wenn die Zeiten der großen Kaffeehausliteraten passé sind, so ganz haben die Kaffeehäuser ihren Charme als Quelle der Inspiration nicht verloren.

Auch die österreichische Autorin Margret Kreidl sitzt täglich im Café Rüdigerhof im 5. Bezirk und arbeitet. Sie sammelt Informationen, transkribiert oder durchforstet Zeitungen nach Materialien. „Es ist ein Ort, den ich brauche, um leben, und dadurch schreiben, zu können.“ Das schlimmste an ihrem halben Jahr in den USA: keine Kaffeehäuser.

Derzeit arbeitet die Schriftstellerin an einem Wirtschaftsdrama. „Da bieten sich Zeitungen als Quellen sehr gut an.“ Meistens kommt sie spätnachmittags und arbeitet dann oft bis Mitternacht.

Frühschicht

Schindel hingegen ist eher ein Vormittagsschreiber. Das hat einen einfachen Grund: „Mit Alkohol kann ich nicht schreiben.“ Da er früher gerne abends ein Gläschen trank, verschob er seine Arbeitszeiten auf den Vormittag. „Mit ein wenig Restalkohol schreibt es sich am besten. Dann hilft das Schreiben, vom Kater abzulenken.“

Bei Schreibblockaden rät Schindel allerdings, sich bloß nicht ablenken zu lassen: „ Alles andere verbieten. Dann wird dir bald so langweilig, dass du einfach zum Schreiben anfängst.“

Auch Autor und Regisseur David Schalko findet, dass es sich am besten schreibt, wenn man keine Ablenkung hat. Deswegen schreibt er am liebsten im Hotelzimmer. „Da wird sich um alles gekümmert.“ Trotzdem hält er sich nahezu täglich im Kaffeehaus auf. Meistens jedoch, um hier berufliche oder private Termine abzuhalten. „Das Kaffeehaus ist ein Ort der Inspiration – ebenso wie das U-Bahn-Fahren“.

Schreiben kann Schalko hier nicht. „Dieses Abhängen im Kaffeehaus – sich die Post bringen lassen, diese Art von Sozialität ist verloren gegangen“, findet Schalko. Das läge auch am Fortschritt der Technologie. „Heute sitzen die Leute alleine vor dem Laptop. Früher war das Café vielmehr Drehscheibe.“

Widerspruch

Dem widerspricht Café-Korb-Besitzerin Susanne Widl vehement. „Die Kommunikation kehrt ins Café zurück. Die Kaffeehäuser werden die neuen Kathedralen.“ Bestätigt sieht sie das durch ihre Philosophencafés, die jeden zweiten Samstag stattfinden.

Das Korb hat als Künstlercafé schon Tradition. Paulus Manker komme um drei Uhr nachmittags zum Frühstück, Polly Adler stellt hier ihre Bücher vor und bei der Chaos-Party im Mai wurde wild auf den Tischen getanzt.

Bis zu ihrer Verleihung des Nobelpreises 2004 sei Elfriede Jelinek täglich für ihre heiße Schokolade ins Korb gekommen. Schriftstellerin und Freundin Elfriede Gerstl kam manchmal sogar drei Mal täglich. „Und dann haben wir über unsere strengen Mütter diskutiert“, erzählt die Kaffeehausbesitzerin.

Für Widl ist das Kaffeehaus auch Ort der Freiheit. Dem stimmt Margret Kreidl zu. „Ich komme aus Salzburg, vom Land. Dort waren Kaffeehäuser die ersten Orte, zu denen Frauen alleine hingehen konnten, ohne schief angesehen zu werden.“

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Blütezeit

Um die Jahrhundertwende, als sich der Zerfall der Doppelmonarchie bereits abzeichnete, entwickelte sich das Kaffeehaus als Ort der künstlerischen und literarischen Drehscheibe. Oft wurde der ganze Tag im Kaffeehaus verbracht. Denn hier gab es Zeitungen und warme Räume.

Im Café Griensteidl fanden sich Ende der 1880er Künstler rund um Peter Altenberg und Helmut Bahr ein. Nachdem das Café geschlossen wurde, verlagerte sich die Szene ins Café Central.