„Dr. Jeans“ in der Josefstadt: Was dieser Schneider mit Hosen macht
Einst die Uniform von Arbeitern, Cowboys und amerikanischen Farmern, ist sie heute aus keinem Kleiderschrank wegzudenken: die Jeans. Im Schnitt beträgt ihre Lebensdauer zwei bis zehn Jahre – je nachdem, wie gut man sie hegt und pflegt. Ausgefranste Stellen oder Löcher sind zwar immer mal wieder Modeerscheinungen, im hohen Jeansalter oft aber ein Indiz, dass sich das Leben der Hose dem Ende zuneigt.
Wer aber noch nicht bereit ist, das geliebte Stück auf die andere Seite – also in den Müll – gehen zu lassen, kann sich nun „medizinische“ Hilfe holen. Luigi Zucchino (59) haucht als „Dr. Jeans“ in der Alser Straße 39 alten Hosen neues Leben ein.
Der gebürtige Italiener stammt aus der Nähe von Mailand und ist Experte für den blauen Stoff. Einen „Arztbesuch“ empfiehlt er schon bei kleineren Wehwehchen, wie etwa durchgewetzten Stellen, um später schlimmere Operationen zu verhindern.
Auf dem OP-Tisch
Während Wegwerfkleidung seit Jahrzehnten den Textilmarkt dominiert, setzt Zucchino in seinem Unternehmen bewusst auf Nachhaltigkeit. „Eine Reparatur macht die Jeans nur kostbarer“, ist der Schneider überzeugt. Freilich ist eine Reparatur natürlich – wie jede Operation – mit Risiken verbunden: „Sonne, Abnutzung und Waschen verändern den Stoff. Einen genau gleichen gibt es einfach nicht.“ Auf dem OP-Tisch wird aus alten Jeans Stoff verarbeitet, der dem „Patienten“ noch am nächsten kommt. Die Reparaturen sind deshalb sehr dezent. Bei der Hosen-Restaurierung sehe man außerdem, „was die Konkurrenz so schneidert“, scherzt Zucchino.
Im Atelier in der Josefstadt werden die beliebten Hosen von Zucchino und seinem internationalen Team nicht nur gerettet, sondern auch selbst produziert. Anders als im herkömmlichen Handel, werden die Jeans W08 (W für Wien und 08 für die Josefstadt) schon mit passenden Ersatzteilen geboren, was ihnen ein noch längeres Leben ermöglicht. Vom Reißverschluss bis zur verstärkten roten inneren Hosentasche steht alles für eine künftige Jeans-Organspende bereit. Die hauseigenen Jeans werden in Wien von Doktor Jeans genäht, der Bio-Stoff wird in Italien produziert.
Ein langes Leben
„Wir möchten eine zukünftige Reparatur so einfach wie möglich gestalten“, erklärt der Schneider die Idee. Teile sollen leicht austauschbar sein und so den Hosen ein langes, nachhaltiges Leben ermöglichen. Ein eingenähtes Prüfstellen-Etikett zeigt deshalb an, wann die Hose gekauft und wann sie gewartet wurde.
„Wichtig ist, seine Jeans jemandem anzuvertrauen, der sich auskennt“, sagt Zucchino. Doktor Jeans ist deshalb bereits weit über die Grenzen des achten Bezirks bekannt. Mittlerweile werden die geliebten blauen Hosen für die rettenden „Transplantationen“ sogar aus dem Ausland per Post eingeflogen, erzählt er.
„Jede Jeans ist wie ein Buch – sie erzählt eine Geschichte“, sagt der Denim-Doktor. Oft hat das Kleidungsstück einst einem geliebten Menschen gehört oder erinnert die Kundschaft an einen besonderen Moment, der im blauen Stoff für immer weiterlebt. „Durch eine Reparatur kann die Hose oft nicht nur ein zweites, sondern sogar ein drittes Leben bekommen.“
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